„Daheim“ von Judith Hermann: Die Sehnsucht als Ausweg

Mit ihrem neuen Roman „Daheim“ ist Judith Hermann für den Leipziger Buchpreis nominiert.

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Judith Hermann wurde 1998 mit der Erzählsammlung „Sommerhaus, später“ bekannt. „Daheim“ ist der zweite Roman der 50-Jährigen.
© imago

Innsbruck – Es beginnt mit der Aussicht auf Budenzauber: Ein seltsamer Vogel spricht die Ich-Erzählerin an. Er sei Zauberer, sagt er. Sie könne seine neue Assistentin werden. Ein „Probeliegen“ wird verabredet. Die Kiste, in der die Assistentin zersägt werden soll, hat ihre Tücken. Die Erzählerin lehnt das Angebot ab und lebt ihr bisheriges Leben weiter. Sie heiratet, wird Mutter. Die Ehe wird geschieden. Die Tochter macht sich auf den Weg, selbst die Welt kennen zu lernen.

In ihrem neuen Roman „Daheim“ erzählt Judith Hermann von einer Frau in der Mitte ihres Lebens. Von verpassten Chancen und neuen Möglichkeiten, die sich auftun, wenn man plötzlich auf sich allein gestellt ist. In „Daheim“ geht es um Enge, die Halt geben kann – und Freiheit, die Angst macht. Hermanns namenlose Protagonistin zieht aus der Stadt ins Niemandsland am Meer, arbeitet in der Kneipe ihres Bruders. Sie fängt neu an, getrieben von „der Sehnsucht nach allem, was ich einmal hatte“ – und macht sich doch keine Illusionen. Sie freundet sich mit Nachbarn an. Nichts, wovor man sich fürchten muss. Ganz geheuer ist ihr das neue Daheim nicht. Heimisch wird sie trotzdem. Heimisch werden heißt auch, das Unheimliche und Entsetzliche zur Kenntnis zu nehmen: Der Bauer hat seine Schweinezucht zur grausamen Industrie hochgerüstet, der Bruder lässt sich mit einer jungen Frau ein, die dort, wo sie daheim ist, missbraucht wurde. „Daheim“ ist beklemmend, fesselnd. Judith Hermann, die Ende der 1990er-Jahre mit der Erzählsammlung „Sommerhaus, später“ beinahe über Nacht berühmt und von den Patriarchen der Buchbranche mit dem dummdreisten Etikett „Fräuleinwunder“ versehen wurde, erzählt in lakonischen Hauptsatzfolgen, direkt und schnörkellos. „Daheim“ ist ein kompromissloses Buch über Kompromisse, die das Leben abverlangt – und über die zauberhaften Auswege, die sich eröffnen, wenn man mit allem anderen rechnet.

Mit Iris Hanika („Echos Kammern“), Christian Kracht („Eurotrash“), Friederike Mayröcker („da ich morgens und mossgrün. Ans Fenster trete“) und Helga Schubert („Vom Aufstehen“) haben es Hermann und „Daheim“ auf die Nominiertenliste des Preises der Leipziger Buchmesse geschafft. Die Auszeichnung wird – trotz Corona-bedingt abgesagter Messe – am 26. Mai vergeben. (jole)

Roman Judith Hermann: Daheim. S. Fischer, 192 S., 21,60 Euro.

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