HG Pharma: Land könnte die Reißleine ziehen, auf allen Ebenen wird geprüft

Für das Land Tirol gibt es derzeit keine Hinweise, dass Tausende Proben von HG Pharma nicht ordnungsgemäß ausgewertet wurden. Die Qualitätsprüfungen hätten gepasst.

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Im September präsentierte Ralf Herwig Tirols LH Günther Platter den „Lab Truck“.
© Land Tirol

Innsbruck – Das für die Abwicklung von PCR-Tests im Umfang von acht Millionen Euro zuständige Testlabor „HG Lab Truck GmbH“ mit Sitz in Kirchberg steht weiter massiv in der Kritik. Die Vergabe durch das Land erfolgte ohne Ausschreibung. Rund um Geschäftsführer Ralf Herwig gibt es massive Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der ordnungsgemäßen Führung des Labors, die dieser gegenüber der TT jedoch zurückweist. Der Standard stellte indes den Verdacht in den Raum, dass seit November „keine oder fachlich nicht richtige Tests geliefert wurden“. Bisher wurden 220.000 PCR-Tests durchgeführt.

220.000 PCR-Tests wurden bisher von „Lab Truck“ analysiert.
© Böhm

„Das stimmt nicht“, sagt Herwig gegenüber der TT. Allerdings habe sich der notwendige Labormediziner, der die Voraussetzung für die Führung des Labors ist, überraschend zurückgezogen. „Bisher war ich der Meinung, dass er seine Funktion erfüllt“, so Herwig. Jetzt bemühe er sich um eine Lösung, diese soll gestern Abend auch gefunden worden sein.

Dass nicht ordnungsgemäß analysiert werde, weist auch Herwigs Partner in der gemeinsamen Mutterfirma HG Pharma, Joachim Greilberger, zurück. „Wir haben 50 kompetente Mitarbeiter mit entsprechender fachlicher Ausbildung, die Qualität unserer Arbeit wurde uns immer wieder bestätigt.“ Dass Herwig mit Strafverfahren als Facharzt für Urologie konfrontiert sei und es auch steuerliche Geschichten gebe, dürfe jedenfalls nicht mit dem Testlabor in Verbindung gebracht werden.

Das Land kündigte eine intensive Prüfung aller im Raum stehenden Vorwürfe an. Es sah hingegen keinerlei Ungereimtheiten bei der labortechnischen Befundung sowie der Auftragsvergabe. LH Günther Platter (VP) geht davon aus, dass dabei auch die Lizenz der Firma durch das Justiziariat geprüft worden sei. Corona-Einsatzstab-Leiter Elmar Rizzoli konnte ebenfalls bis dato keine Ungereimtheiten bei der Befundung ausmachen: „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.“

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Wegen der Begleitumstände bzw. der schiefen Optik um Geschäftsführer Ralf Herwig könnte das Land aber die Reißleine ziehen und den bis 30. Juni verlängerten Vertrag vorzeitig stoppen. Daran denkt auch Herwig. „Auch ich überlege mir Konsequenzen, sollte das gesamte Projekt wegen mir gefährdet werden“, erklärte er abschließend.

Auf allen Ebenen wird geprüft

Vom Vorzeige-Modell ins Abseits: Nach der Auftragsvergabe ohne Ausschreibung an die Firma HG Lab Truck, die bisher rund 220.000 PCR-Testungen vorgenommen hat, gerät jetzt das Labor selbst in die Kritik. Das hängt vor allem mit dem Geschäftsführer, dem Wiener Urologen Ralf Herwig, zusammen. Er ist neben Joachim Greilberger Gründer und Eigentümer der Muttergesellschaft HG Pharma. Denn Herwig beschäftigt seit Jahren die Gerichte, laut APA wurde er im Sommer 2019 vom Wiener Landesgericht für Strafsachen wegen versuchter Abgabenhinterziehung verurteilt. Am Freitag steht er wegen mutmaßlicher Behandlungsfehler in Wien vor Gericht. Herwig bestreitet die Vorwürfe, für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Ob das „Lab Truck“-Labor überhaupt berechtigt war, PCR-Tests durchzuführen, wurde wiederum am Dienstag heftig diskutiert. Es würden die notwendigen Labormediziner fehlen und damit die Voraussetzungen für ein Testlabor. Das hatte der Standard berichtet. Ins Rollen hatte die Geschichte die nachträgliche Überprüfung von der britischen Fluchtmutation zugerechneten Corona-Proben gebracht. Bisher hat sich herausgestellt, dass rund 50 Fälle doch nicht dieser Virusvariante zuzuordnen sind. Die HG Pharma, die für das Land Tirol PCR-Tests auswertet, hatte die Vorsequenzierungen durchgeführt, um festzustellen, ob bei einer Probe ein Mutationsverdacht besteht.

Das Land Tirol sieht indessen in der Zusammenarbeit in Sachen PCR-Tests mit der Wiener Firma HG Pharma keine Ungereimtheiten bei der labortechnischen Befundung sowie der Auftragsvergabe. Einerseits sei diese Qualitätsüberprüfung durch die Landessanitätsdirektion vor der Erstbeauftragung erfolgt, zweitens im November 2020 durch Privatgutachten und drittens im Februar 2021 durch die Österreichische Gesellschaft für Qualitätssicherung und Standardisierung in Form eines so genannten Ringversuches. „Alle Überprüfungen gaben keinen Anlass, an der Qualität des Labors zu zweifeln“, erklärten die Verantwortlichen. Den weiter erhobenen Vorwürfen gegen die HG Pharma GmbH werde von Seiten des Landes gerade nachgegangen. Zudem wird betont, dass die HG Pharma GmbH vom Gesundheitsministerium „nach erfolgter Validierung auf die Liste der fachärztlich geführten humanmedizinischen Labore gesetzt und dementsprechend auch vom Land Tirol für Leistungen herangezogen wurde“.

LH Günther Platter (ÖVP) betonte in einer Stellungnahme, dass hinsichtlich der weiteren medialen Vorwürfe er den Auftrag erteilt habe, „genauere Erhebungen zu machen“. Der Landeschef erinnerte daran, dass bezüglich der PCR-Tests auch ein Rahmenbeschluss des Landtags vorliegt und daraufhin der Einsatzstab und das Justiziariat mit der Abwicklung des Auftrags beauftragt wurden. Er gehe davon aus, dass dabei auch die Lizenz der Firma durch das Justiziariat geprüft worden sei. Corona-Einsatzstab-Leiter Elmar Rizzoli konnte ebenfalls bis dato keine Ungereimtheiten bei der Befundung ausmachen: „Es gibt keine Anhaltspunkte, dass es zu Unregelmäßigkeiten gekommen ist.“

Trotzdem: Im Land mehren sich die Stimmen, die eine vorzeitige Auflösung des Vertrags fordern. Der Koalitionspartner der ÖVP, die Grünen, äußerten sich in diese Richtung. Klubchef Gebi Mair sprach von einem evidenten „Vertrauensverlust in die Auftragnehmer der HG Pharma“. „Und zwar nicht primär wegen der Testqualität, sondern wegen der Begleitumstände“, so Mair, der eine umfassende Aufklärung und volle Kooperationsbereitschaft vonseiten des Testanbieters einforderte. (TT, pn)

Opposition fordert volle Aufklärung

Wegen der angeblichen Ungereimtheiten bei Auftragsvergabe und labortechnischen Befundungen von PCR-Tests durch die Firma HG Pharma fordern die Liste Fritz und die FPÖ Aufklärung von Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP). Spätestens im Mai-Landtag. Liste Fritz-LA Markus Sint sprach im Rahmen einer Pressekonferenz von einem „politischen Skandal ersten Ranges“. Er solle sich endlich der Aufklärung und Diskussion stellen oder den Hut nehmen, legte Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider nach.

Die Liste Fritz, so Haselwanter-Schneider, habe mit einer Anfrage bereits Anfang Februar „den Stein ins Rollen gebracht“, Sint erinnerte, es sei genau das passiert, wovor man seit Jahren warne: Dass der Auftrag „freihändig vergeben“ wurde, würde sich nun rächen.

FPÖ-Landesparteiobmann Markus Abwerzger bezeichnete die Causa Laborbeauftragung durch das Land Tirol in einer Aussendung als „mehr als aufklärungsbedürftig“. „Sollte es sich tatsächlich bewahrheiten, dass es zu Fehltestungen bei den Covid-19-Testungen gekommen ist, dann sind personelle Konsequenzen, vom LH Platter angefangen bis hin zu allen Verantwortlichen, dringend geboten.“


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