Künstlerin Maria Walcher bringt sensible Themen an öffentliche Plätze

Übers Unterwegssein: Kommende Woche wird der Künstlerin Maria Walcher der Paul-Flora-Preis 2021 verliehen. Ein Einblick in ihr Œuvre.

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Maria Walchers „Trasite“ wurde 2014 beim Kunstfest Weimar, 2015 beim 2. Berliner Herbstsalon gezeigt.
© Iva Kirova

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Als im Sommer 2020 im Nachhall der Proteste gegen Rassismus etliche Denkmäler von ihren Sockeln gehoben und in Flüssen entsorgt wurden, lieferten Titelseiten ähnliche Motive, wie sie Maria Walcher schon 2014 erzeugte. Im Rahmen von „Trasite“ (heißt im kalabrischen Dialekt so viel wie „Willkommen“) beschäftigte sich die Künstlerin damals mit Riace, einer Kleinstadt in Kalabrien, die für ihre Bronzestatuen bekannt wurde. 1972 wurden diese antiken Figuren an der Küste nahe Riace zufällig entdeckt. Heute gehören sie zu den Schätze des Archäologiemuseums in Reggio Calabria. Repliken dieser Skulpturen hat Walcher u. a. in die Spree gelegt – nur scheinbar, um auf die kulturellen Einflüsse der Antike hinzuweisen, vor allem ging es um einen Kommentar zur Gegenwart.

1998 machte Riace außerdem mit dem Projekt „Città Futura“ von sich reden. Nach dem Eintreffen von 200 kurdischen Bootsflüchtlingen beschloss die Stadt gemeinsam mit den Geflüchteten die Abwanderung und den Niedergang des Ortes zu bekämpfen. Über diese Erfolgsgeschichte drehte Wim Wenders später den Film „Il Volo“. Mit den Fluchtbewegungen 2015 geriet die „Willkommenskultur“ zunehmend unter Beschuss. „Trasite“, das neben Berlin oder in Weimar gezeigt wurde, verwies also auf den europäischen Umgang mit Geflüchteten. Eine Debatte, die zuletzt um eine postkoloniale Perspektive erweitert wurde.

Künstlerin Maria Walcher .
© Zanon

„Trasite“ ist nur ein Beispiel von vielen, in denen Walcher sensible Themen ortsspezifisch verarbeitet und im öffentlichen Raum platziert. Kommende Woche, am 15. Mai, wird sie für ihre Arbeit mit dem Paul-Flora-Preis 2021 ausgezeichnet, der seit elf Jahren von Tirol und Südtirol gemeinsam an heimische bildende Künstlerinnen und Künstler vergeben wird. Die Auszeichnung, die sich auch als Nachwuchsförderung versteht, ist mit 10.000 Euro dotiert.

Maria Walcher selbst wurde 1984 in Brixen geboren, studierte an der Bauhaus-Universität Weimar und der Angewandten in Wien. Ihre Arbeiten wurden in Sarajevo, Mexico City oder Den Haag und dies- und jenseits des Brenners gezeigt. Seit fünf Jahren ist Innsbruck Walchers Homebase, bis 2020 eines der Tiroler Ateliers im Künstlerhaus Büchsenhausen.

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Dort entstand u. a. „Lethe“, eine mehrteilige Installation, mit der sie 2017 am Innsbrucker Domplatz nach der Dimension von persönlichem und gesellschaftlichem Vergessen in unserer Erinnerungskultur fragte. Dort wie auch in anderen Werken sucht Walcher den direkten Kontakt zum Publikum: Im Oktober 2020 machte „querSCHNITT“, ihre mobile Schneiderwerkstatt, Halt in der Schau „Convergence“ der Tiroler Künstler:innenschaft. Walcher schaffte dort einen Ort des Austauschs für Menschen unterschiedlicher Backgrounds.

Bis heute beschäftigt die Künstlerin das Unterwegssein. Aktuell arbeitet sie zum Thema Fuß, dem ursprünglichsten Fortbewegungsmittel überhaupt. Was aus dieser Beschäftigung hervorgeht, wird sich ab Juni im Rahmen einer Intervention mehrerer Kunstschaffender am Ropferhof in Buchen zu sehen sein. Im Juli wird Walcher außerdem Teil der Jubiläumsausstellung im Kunstmeranoarte in Meran.


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