Eskalation in Nahost: Tote bei Raketenangriffen auf Tel Aviv

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern spitzt sich weiter zu. Militante Palästinenser greifen die Küstenmetropole Tel Aviv mit Hunderten Raketen an, aus dem Gazastreifen werden wiederum Dutzende Tote gemeldet. Israels Regierung kündigte harte Gegenangriffe an.Die UNO forderte, die Gefechte umgehend einzustellen. Andernfalls drohe ein vollständiger Krieg.

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Die Hamas feuerte zahlreiche Raketen auf Zentralisrael ab.
© ANAS BABA

Tel Aviv, Jerusalem – Die Gewalt in Nahost hat binnen weniger Tage das schlimmste Ausmaß seit Jahren erreicht. Radikalislamische Palästinenser feuerten bis Mittwochfrüh rund 1.000 Raketen auf Israel, dessen Militär Hunderte Ziele im Gazastreifen aus der Luft angriff. Die Zahl der Toten in dem Küstengebiet stieg nach palästinensischen Angaben auf mindestens 35, Israel meldete bisher fünf Tote. Die UNO forderte, die Gefechte umgehend einzustellen. Andernfalls drohe ein vollständiger Krieg.

Der bewaffnete Flügel der Hamas feuerte nach eigenen Angaben 210 Raketen in Richtung Tel Aviv und Beerscheba. Sirenengeheul warnte die Bevölkerung, die in Deckung ging, während Abfangraketen aufstiegen. Rund ein Drittel der Geschoße aus Gaza schaffte es nach israelischen Angaben nicht über das Gebiet des Küstenstreifens hinaus. Doch in Rishon LeZion, einem Vorort von Tel Aviv, traf eine Rakete ein Gebäude, wodurch eine 50-Jährige ums Leben kam. Zwei weitere Frauen seien zudem bei Einschlägen in Ashkelon getötet worden. In dem arabisch-jüdischen Ort Lod bei Tel Aviv starben zwei Menschen, als eine Rakete ein Fahrzeug traf. Mehr als 200 Israelis sollen bisher verletzt worden sein.

📽️ Video | Interview mit Nahost-Expertin Dachs

In Lod selbst war es am Dienstagabend zu schweren Ausschreitungen zwischen Juden und Arabern gekommen. Nach Medienberichten schändeten arabische Einwohner eine Synagoge und setzten sie in Brand. Außerdem seien Dutzende Autos angezündet und Fenster von Geschäften eingeworfen worden. Der Bürgermeister von Lod, Yair Revivo, sprach im Fernsehen von einem "Bürgerkrieg" in der Stadt und forderte eine sofortige Ausgangssperre. Um für Ruhe zu sorgen, wurden zahlreiche weitere Polizeitruppen in die Stadt geschickt. Auch in den arabisch geprägten Orten Akko im Norden des Landes und in Jaffa bei Tel Aviv kam es zu schweren Zusammenstößen.

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Insgesamt haben radikale Palästinenser im Gazastreifen nach Angaben der israelischen Armee bisher mehr als 1.000 Raketen auf Israel abgefeuert. Rund 850 Raketen seien abgefangen worden oder in Israel niedergegangen, etwa 200 weitere seien noch im Gazastreifen niedergegangen, sagte Militärsprecher Jonathan Conricus am Mittwoch.

In Tel Aviv suchen Menschen unter einer Brücke Schutz
© GIL COHEN-MAGEN

Israel wiederum nahm zahlreiche Hamas-Ziele ins Visier. 80 Kampfjets waren nach Angaben des israelischen Militärs an den Angriffen beteiligt. Außerdem seien Infanterieeinheiten zur Verstärkung der bereits an der Grenze zum Gazastreifen postierten Panzer entsandt worden.

Büros der militanten Gruppe und Häuser von Hamas-Anführern seien ebenso angegriffen worden wie Raketenstellungen. Die israelische Armee teilte auch mit, dass bei den Angriffen auch der Chef des militärischen Geheimdienstes der Hamas, Hassan Kaogi, und sein Vize Wail Issa "neutralisiert" - also getötet - worden seien.

Auch ein 13-stöckiger Wohn- und Bürokomplex wurde bombardiert. Videoaufnahmen zeigten dicke schwarze Rauchwolken, die von dem Gebäude aufstiegen. Wenig später stürzte es ein. Bewohner des Blocks und in der Umgebung waren nach Angaben von Augenzeugen und des Militärs vor dem Angriff gewarnt worden, sich in Sicherheit zu bringen. Auch ein anderes Gebäude in dem Viertel wurde schwer beschädigt. Bewohner und Journalisten, die dort arbeiteten, hatten das Haus zuvor verlassen.

📽️ Video | ORF-Korrespondenten zum Nahostkonflikt

Neue Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrates

International mehrten sich die Aufrufe, die neu aufgeflammte Gewalt zu stoppen. Der UNO-Sicherheitsrat will am Mittwoch dazu beraten. Entspannung schien jedoch nicht in Sicht. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu warnte, die Extremisten würden einen „sehr hohen" Preis für den Raketenbeschuss bezahlen. Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, es würden auch weiterhin "Gebäude zerbröckeln".

Hamas-Anführer Ismail Haniyeh warf Israel vor, die Gewalt ausgelöst zu haben. Es sei daher für die Konsequenzen verantwortlich. Seine Botschaft an die Israelis laute: "Wenn sie eskalieren wollen, ist der Widerstand bereit. Wenn sie aufhören wollen, ist der Widerstand bereit."

Kurz verurteilt Angriffe auf Israel scharf

Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat am Mittwoch vor dem Ministerrat die Raketen-Angriffe auf Israel „scharf verurteilt". Gleichzeitig betonte er das Recht Israels auf Selbstverteidigung. Kurz forderte eine sofortige Deeskalation. Alles andere wäre ein „Verbrechen gegenüber den Menschen in Israel" und eine Belastung für die ohnehin angespannte Situation in der Region.

Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) zeigte sich nach einem Telefonat mit dem Außenminister der Palästinensischen Autonomiebehörde, Rijad al-Maliki, auf Twitter „tief besorgt von der Spirale der Gewalt und den anhaltenden Raketenangriffen aus Gaza“. Schallenberg forderte eine „unverzügliche Deeskalation“. Er bedauere zutiefst den Verlust von Leben von Zivilisten, erklärte Schallenberg.

Israelische Sicherheitskräfte in Holon nahe Tel Aviv.
© AHMAD GHARABLI

Der deutsche Außenminister Heiko Maas verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel scharf. „Dass es jetzt noch eine derartige Eskalation der Gewalt gibt, ist weder zu tolerieren noch zu akzeptieren, und das haben wir auch gegenüber der Palästinensischen Autonomiebehörde sehr deutlich gemacht“, sagte Maas in Rom. Die Raketenangriffe müssten sofort beendet werden. „Israel hat in dieser Situation das Recht auf Selbstverteidigung“, fügte Maas hinzu

📽️ Video | Tränengas und Blendgranaten vor Al-Aksa-Moschee

Russland rief alle Seiten zur Zurückhaltung auf. Es sollten keine Schritte unternommen werden, die mit einer Eskalation der Lage behaftet seien, teilte das Außenministerium am Abend in Moskau mit. „Wir verurteilen nachdrücklich Angriffe auf Zivilisten, unabhängig von ihrer Nationalität oder Religion.“ Die Entwicklung der Ereignisse sei sehr besorgniserregend, hieß es in der Mitteilung.

In New York zeigte sich UN-Generalsekretär António Guterres sehr besorgt über die „schwerwiegende Eskalation im besetzten palästinensischen Gebiet und in Israel“ sowie in Gaza, wie ein Sprecher mitteilte. „Er ist zutiefst traurig über die zunehmende Zahl von Opfern - darunter Kinder - wegen israelischer Luftangriffe in Gaza sowie Todesfälle in Israel durch Raketen, die aus Gaza abgefeuert wurden.“

In Gaza ist ein Hochhaus nach einem israelischen Luftangriff eingestürzt. Die Bewohner des Gebäudes wurden vor dem Angriff von den israelischen Streitkräften angehalten, das Haus zu verlassen
© MAHMUD HAMS

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich seit Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan Mitte April zugespitzt. Inzwischen sind es die heftigsten Auseinandersetzungen seit mehreren Jahren. Der Ramadan geht diese Woche zu Ende.

In den vergangenen Tagen hatte es zunächst vor allem in Jerusalem heftige Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften gegeben. Auslöser waren unter anderem Polizei-Absperrungen in der Altstadt sowie drohende Zwangsräumungen von palästinensischen Familien im Viertel Scheich Jarrah. Seit Montagabend beschießen militante Palästinenser Israel mit Raketen.

Nach massiven Raketenangriffen aus dem Gazastreifen auf Israel bombardierte die israelische Luftwaffe Ziele in dem Küstenstreifen.
© MOHAMMED ABED

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu stimmte die Israelis auf einen längeren Konflikt ein. Eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt ist der Status Jerusalems. Israel beansprucht Jerusalem als „ewige und unteilbare Hauptstadt“ für sich. Die Palästinenser halten am Anspruch auf Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines unabhängigen Staates fest.

Bereits drei Kriege seit 2007

Seit der gewaltsamen Machtübernahme der Hamas im Gazastreifen 2007 haben sich Israel und die radikale Palästinenserorganisation drei Kriege geliefert. Israel und Ägypten halten das Gebiet unter Blockade und begründen dies mit Sicherheitserwägungen. Etwa zwei Millionen Menschen leben dort - nach Angaben von Hilfsorganisationen unter miserablen Bedingungen. Im August 2020 verkündete die Hamas nach Vermittlung Katars eine Waffenruhe. (APA/Reuters/AFP/dpa)

Verletzte Demonstranten wurden abtransportiert.
© EMMANUEL DUNAND

Schier endlose Konflikte am Tempelberg: Chronik der Ereignisse seit 2015

Messerattacken im Herbst 2015

Im September 2015 wird der Tempelberg drei Tage lang zum Schauplatz heftiger Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Am 1. Oktober wird im Westjordanland ein jüdisches Siedlerpaar in einem Auto von palästinensischen Angreifern erschossen.

Am 9. Oktober greift die Gewalt auf den Gazastreifen über, sieben Palästinenser werden getötet. Am darauffolgenden Tag teilt Israel mit, es habe einen Angriff vereitelt und leitet eine Razzia ein, bei der eine schwangere palästinensische Frau und ihre Tochter getötet werden.

Von Oktober 2015 bis Ende 2016 sterben bei dutzenden Angriffen 240 Palästinenser und 36 Israelis. Bei den meisten getöteten Palästinensern handelt es sich nach Angaben der israelischen Behörden um Angreifer, die – bewaffnet mit Messern – gegen Israelis vorgehen.

Streit um Sicherheitskontrollen im Sommer 2017

Am 14. Juli 2017 töten drei israelische Araber zwei Polizisten in der Altstadt von Jerusalem und werden daraufhin am Tempelberg erschossen. Israel erklärt, die Waffen seien auf dem Tempelberg versteckt worden, und sperrt den Zugang zur drittheiligsten Stätte des Islam für zwei Tage.

Am 16. beschließt Israel, neue Sicherheitsmaßnahmen an den Eingängen zu installieren, unter anderem Metalldetektoren und Kameras. Es kommt zu heftigen Protesten, am 21. Juli werden bei Zusammenstößen zwischen israelischen Streitkräften und palästinensischen Demonstranten drei Menschen getötet.

Am selben Abend tötet ein Palästinenser im Westjordanland drei israelische Siedler. Unter starkem internationalen Druck nimmt Israel vier Tage die Sicherheitsmaßnahmen zurück.

„Großer Marsch der Rückkehr“ im Frühjahr 2018

Ab Ende März 2018 finden wöchentlich Proteste entlang des von der israelischen Armee bewachten Sicherheitszauns zwischen dem Gazastreifen und Israel statt. Die palästinensischen Demonstranten fordern die Aufhebung der von Israel mehr als zehn Jahre zuvor verhängten Blockade des Gebiets. Außerdem beanspruchen sie das Recht auf Rückkehr von Palästinensern auf ihr Land, das sie im Zuge der Gründung des Staates Israel 1948 verlassen mussten.

Am 14. Mai wird die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt. Bei Demonstrationen im Gazastreifen werden an diesem Tag rund 60 Palästinenser von der israelischen Armee getötet.

Ein Jahr später werden am 4. und 5. Mai bei Zusammenstößen zwischen bewaffneten palästinensischen Gruppen und Israelis 25 Palästinenser und vier israelische Zivilisten getötet. Militante Gruppen feuern Hunderte Raketen auf Israel ab, das israelische Militär reagiert mit dem Beschuss Hunderter Ziele im Gazastreifen. Von März 2018 bis Ende 2019 werden fast 350 Palästinenser und acht Israelis getötet.

Eskalation nach Provokationen im Frühjahr 2021

Am 22. April kommt es in Ost-Jerusalem erneut zu Zusammenstößen. Auslöser ist eine Demonstration rechtsextremer Israelis, die unter „Tod den Arabern“-Rufen durch die Altstadt ziehen. Die Spannungen zwischen muslimischen Palästinensern und jüdischen Israelis werden durch eine Reihe von Videos angeheizt. Sie zeigten, wie junge Araber ultra-orthodoxe Juden angreifen und wie jüdische Extremisten nachts Araber auf der Straße schikanieren.

Zu Zusammenstößen kommt es auch im Viertel Scheich Jarrah, wo rund 30 Palästinenser mit der Zwangsräumung ihrer Wohnungen rechnen müssen, die von jüdischen Israelis beansprucht werden.

Am 7. Mai versammeln sich tausende Gläubige auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee zum letzten großen Freitagsgebet vor dem Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan. Es kommt zu Zusammenstößen zwischen Palästinensern und der israelischen Polizei – die Palästinenser bewerfen die Sicherheitskräfte mit Steinen, diese feuern Gummigeschoße und Blendgranaten ab. Nach Angaben des palästinensischen Roten Halbmonds werden mindestens 205 Palästinenser verletzt. Die israelische Polizei meldet 18 verletzte Beamte.

Einen Tag später werden bei weiteren Zusammenstößen zwischen der israelischen Polizei und palästinensischen Demonstranten in Ost-Jerusalem mehr als 120 Menschen verletzt.


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