Zwiegespräche mit den „Kopfgeburten“: Neues Buch von Erika Wimmer Mazohl

Erika Wimmer Mazohl blickt in „Das zweite Gesicht“ durch Markus Vallazzas Bilder auf Dante Alighieri.

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Auf eine Zigarette mit Dante: Der Südtiroler Künstler Markus Vallazza beschäftigte sich jahrelang mit dem Schöpfer der „Commedia“.
© Markus Vallazza

Innsbruck – Dante Alighieris „Commedia“ hat den Südtiroler Maler und Graphiker Markus Vallazza lange beschäftigt. Er hat Dantes Verse nicht nur illustriert. Er hat sie graphisch ausgestaltet, kommentiert, ins ganz Gegenwärtige weitergedacht. In diesem Prozess sind großartige Radierungen entstanden. Doch Vallazza hatte nicht nur Dantes Texte im Blick, sondern auch den Dichter selbst. Oder präziser: Mit dessen lorbeerbekränzten Abbild. In seinen Skizzenbüchern hat Vallazza auch damit gespielt – und einen Dante für alle Fälle, jede Stimmung, jeden Stil ersonnen: grübelnd, komödiantisch, futuristisch, kartographisch. 378 solcher klarkantiger Dante-„Kopfgeburten“ hat er angefertigt.

Für die Autorin Erika Wimmer Mazohl wurden diese Skizzen nun zum Anstoß für den Lyrikband „Das zweite Gesicht“. Sie führt darin Vallazzas Verfahren sprachlich fort – und sucht damit nicht zuletzt das Zwiegespräch mit dem 2019 gestorbenen Künstler. Sie übernimmt bisweilen die Titel von Vallazzas Bildern – und macht sie zum Ausgangspunkt für die eigene Auseinandersetzung. Die Gedichte kreisen ohne große, um Bedeutungsschwere bemühte Gesten in manchmal streng gebundener, manchmal frei getakteter Form um die große Themen des Menschseins. Es geht um Liebe, um Trauer und Zorn, um das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen – und umgekehrt. Die Texte sind geprägt von unaufdringlicher Melancholie, die immer wieder ironisch aufgebrochen werden will. Vor allem aber sind sie sprachlich genau gearbeitet – und reich an hintersinnigen Aha-Momenten. „Das zweite Gesicht“ ist also mehr als eine selbstbewusste Verneigung vor Vallazza und Dante, dessen Tod sich heuer zum 700. Mal jährt. Diese Gedichte lassen sich auch ohne Rückgriff auf Dichterfürst und Skizzenstudium mit Gewinn lesen. Da Vallazzas „Kopfgeburten“ mitabgedruckt wurden, sollte man auf Zweiteres keinesfalls verzichten. Es potenziert die dunkle Strahlkraft und den feinen Witz von Erika Wimmer Mazohls Zeilen. (jole)

Limbus, 150 Seiten, 20 Euro. Heute im Rahmen des W:Orte-Festivals auf www.literaturhaus-am-inn.at; Beginn: 19.30 Uhr.

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