Nach weniger Zulauf: „Ruhe vor dem Sturm“ in der Tiroler Schuldnerberatung

Tiroler Schuldnerberatung verzeichnete im Vorjahr weniger Neuzulauf und erwartet im Sommer wieder mehr Betroffene. Rückfahren der Hilfen nötig.

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Experten warnen davor, einen notwendigen Schritt in die Entschuldung vor sich herzuschieben.
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Innsbruck – Die Entwicklung bei der Schuldnerberatung verlief im vergangenen Jahr anders als gedacht, schildert der Geschäftsführer der Schuldenberatung Tirol, Thomas Pachl. Aufgrund der höheren Arbeitslosigkeit als Folge der Corona-Maßnahmen hatte man mit einem steigenden Zulauf bei der Schuldnerberatung gerechnet. Tatsächlich ging im vergangenen Jahr die Zahl der neuen Klienten leicht zurück. Konkret verzeichnete die Schuldnerberatung Tirol im Vorjahr 827 Erstberatungen – das sind um 8 % weniger als 2019 (rund 900 Erstberatungen), schildert Pachl. Insgesamt wurden 3600 Personen betreut.

Dass der befürchtete Ansturm bisher ausblieb, führt Pachl auf die gesetzlichen Maßnahmen wie etwa Zahlungsstundungen durch Banken, Finanz und Sozialversicherung zurück. Außerdem hätten viele Menschen derzeit andere Probleme – wie etwa soziale oder familiäre –, als sich um eine Schuldenregulierung zu kümmern.

Außerdem waren Finanz und Sozialversicherung auch dazu angehalten, sich bei Insolvenzanträgen zurückzuhalten. Entsprechend gab es im Vorjahr auch um ein Drittel weniger Privatkonkurse als im Jahr davor. „Zudem macht es für viele nicht viel Sinn, als Arbeitsloser einen Privatkonkurs zu beantragen. Das kommt bei der Jobsuche nicht gut an“, so Pachl. Aktuell aber würden bereits wieder mehr Privatkonkurse beantragt. Weil diese Anträge wohl erst im August/September entschieden werden, fielen sie auch in die Insolvenz-Neuregelung, die eine verkürzte Rückzahlung von 3 Jahren (bisher 5 Jahre) vorsieht, meint Pachl.

Inwieweit die Corona-Maßnahmen viele Menschen in die Schuldenfalle getrieben hätten, könne man derzeit nicht mit Zahlen belegen. „Die Betroffenen sind ja noch nicht bei uns“, so Pachl. Es sei jedenfalls nicht so, dass es weniger Verschuldung gibt, erklärt der Schuldnerberater. Vielmehr würden sich Betroffene noch zurückhalten, weil angesichts der Corona-Hilfsgelder mitunter auch der Druck für den nötigen Schritt in die Entschuldung fehle. Man werde daher die Hilfsmaßnahmen wieder zurückfahren müssen, meint Pachl: „Denn in unserem Wirtschaftssystem bedeutet ein Konkurs, dass marode Finanzverhältnisse aufgedeckt werden.“ Mitte des Jahres Voraussichtlich mitte des Jahres wieder steigen.

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Auch Michael Lackenberger, Geschäftsführer der Schuldnerberatung Niederösterreich, rechnet mit einem „Run“ auf die Schuldenberatungsstellen – mit Arbeitslosen und gescheiterten Selbstständigen als Hauptgruppen. „Wir befinden uns in einer Phase, die ich die ‚Ruhe vor dem Sturm‘ nennen würde“, so Lackenberger. Denn eine höhere Arbeitslosenquote ziehe immer zeitverzögert einen Zuwachs bei den Beratungen nach sich. „2022 rechnen wir mit einem Anstieg der Klienten um 36 Prozent.“

Im Vorjahr verringerte sich bundesweit die Zahl der Privatkonkursanträge gegenüber 2019 um 24,9 % auf 7936, geht aus dem aktuellen Schuldenreport hervor. Tatsächlich eröffnet wurden 7296 Schuldenregulierungsverfahren – ein Minus von 23,2 %. (mas, APA)


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