Ambulante Familienarbeit Tirol: „Krise war Brandbeschleuniger“

Die Ambulante Familienarbeit Tirol kennt die Probleme, unter denen Kinder und Familien in der Pandemie besonders leiden.

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Christian Murer hatte seinen VW-Bus am Beginn des Lockdowns in ein fahrendes Büro verwandelt und war immer mit seinen zu betreuenden Kindern, Jugendlichen und Familien in Verbindung.
© SOS-Kinderdorf

Innsbruck – Christian Murer von der Ambulanten Familienarbeit (AFA) Tirol von SOS-Kinderdorf ist mit seiner Arbeit mittendrin in den sozialen Brennpunkten der Corona-Pandemie. „Die Covid-Krise wirkte wie ein Brandbeschleuniger für die Probleme vieler Eltern, den Erziehungsalltag mit ihren Kindern trotz aller Bemühungen alleine noch bewältigen zu können“, berichtet Murer, der seit sechs Jahren für die AFA Tirol arbeitet.

„Die letzten eineinhalb Jahre waren durch die Auswirkungen von Corona besonders intensiv und für ganz viele Menschen schwierig. Familien, die schon vorher in Krisen steckten, waren doppelt betroffen und in ihrer Existenz als Familie gefährdet“, so Murer. Derzeit betreut er im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe zehn Familien. Sein Fazit: „Es gab viele schöne und positive Momente, wenn ich etwa bedrohliche Situationen deeskalieren konnte und wir gemeinsam Probleme gelöst und neue Wege des Miteinander gefunden haben. Oder wenn Kinder und Eltern im Lockdown sogar näher zusammengerückt sind.“

Freilich blickt Murer auch auf andere Erfahrungen zurück: „Ein Phänomen, dem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, sind übergewichtige Kinder. Durch den Lockdown noch verstärkt, haben viele massiv zugenommen. Jene, die sich schon vorher wenig bewegt haben, waren nun ohne Vereinssport, ohne Freizeitaktivitäten im Freien völlig inaktiv“, so Murer.

Hand in Hand damit sei der Medienkonsum förmlich explodiert. „Kids und Jugendliche waren Tag und Nacht online. Hier gewisse Regeln und Grenzen zu finden, war kaum möglich, das Thema hatte enormes Konfliktpotenzial. Die Folge war noch mehr Aggression gegenüber den Eltern, was die Problemspirale weiter nach oben drehte!“

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Eine große Herausforderung für einige der Familien war die Schule. „Manchmal fehlte die technische Ausrüstung für Home-Schooling und Distance Learning, etwa ein eigenes Notebook oder es war kein Drucker vorhanden“, so Murer.

Insgesamt sei die Zahl der Anfragen durch die Kinder- und Jugendhilfe im Vergleich zu 2019 vor Corona stark angestiegen. „Leider mussten wir auch viele Betreuungsanfragen absagen“, so Murer, der sich mehr Ressourcen für die besonders belasteten Kinder, Jugendlichen und Familien wünschen würde. (TT)


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