Bereits mehr als 120 Tote: Israel griff Hamas-Tunnelnetz im Gazastreifen an

Israels Militär beschießt das unterirdische Tunnel-Netz der Hamas in Gaza. Regierungschef Netanjahu sieht die militante Organisation dadurch "hart geschlagen".

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Auch in der Nacht zum Freitag wurden wieder Raketen aus dem Gazastreifen abgefeuert, die israelische Luftwaffe flog mehrere Angriffe.
© MOHAMMED ABED

Tel Aviv – Mit einem Großangriff hat Israels Armee ein bedeutendes Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas attackiert. "Viele Kilometer" des Netzes seien beschädigt worden, teilte das Militär am Freitag mit. Militante Palästinenser setzten unterdessen den Beschuss Israels aus dem Gazastreifen fort. Nach Angaben der Armee wurden inzwischen insgesamt 2.000 Raketen abgefeuert. Abfangsystem "Iron Dome" fing davon nahezu 1000 ab, wie die Armee am Freitagabend mitteilte.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu zeigte sich zufrieden. "Ich habe gesagt, wir würden die Hamas und die anderen Terrororganisationen sehr hart schlagen. Und genau das tun wir", sagte Netanyahu am Freitag nach einer Mitteilung seines Büros. Die Hamas habe gedacht, sie könnte sich in dem Tunnelsystem verstecken. Dies sei aber nicht gelungen.

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Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden in Gaza seit Beginn der Eskalation des Konflikts am Montagabend mehr als 120 Menschen getötet. Wie die israelische Armee mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage acht Menschen ums Leben.

Ägyptischen Sicherheitskreisen zufolge lehnte Israel ein Angebot der Regierung in Kairo zur Vermittlung einer Feuerpause ab. Die Vereinten Nationen forderten, die Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen für Treibstoff- und Hilfslieferungen zu öffnen. In dem abgesperrten Gebiet leben etwa zwei Millionen Palästinenser.

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Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Sheikh Jarrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg. Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Israel intensivierte seine Angriffe auf den Gazastreifen.
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Israel macht die zweitgrößte Palästinensergruppe für alle Angriffe aus dem Küstengebiet verantwortlich. Die Hamas wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Nach Angaben der Armee hat die Hamas das in der Nacht auf Freitag attackierte Tunnelsystem über Jahre aufgebaut. Es liegt zu Teilen unter der Stadt Gaza. Es handle sich um eine Art "Stadt unter der Stadt", sagte ein Armeesprecher. An dem komplexen, rund 40 Minuten dauernden Angriff seien 160 "Luftfahrzeuge" und auch Panzer beteiligt gewesen, die von israelischer Seite Ziele in dem Küstengebiet beschossen hätten. Kein israelischer Soldat betrat demnach den Gazastreifen.

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Neue Zusammenstöße im Westjordanland

Im Westjordanland gab es am Freitag an mehreren Orten neue Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Dabei sind nach palästinensischen Angaben acht Menschen im Westjordanland getötet worden. Zwei Palästinenser seien durch Schüsse von Soldaten in Bauch beziehungsweise Brust getroffen worden und gestorben, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium am Freitag mit.

Nach der Eskalation kam es in den vergangenen Tagen auch in israelischen Städten, in denen ein hoher Anteil arabischer Israelis lebt, zu Ausschreitungen. In Lod gilt inzwischen eine Ausgangssperre, zusätzliche Sicherheitskräfte wurden im Land verteilt. Ganz beruhigt hat sich die Lage noch nicht: In der Nacht auf Freitag nahm die Polizei erneut Randalierer fest, die Steine und Brandsätze warfen.

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Am Samstag ist Tag der Nakba (Katastrophe). Die Palästinenser gedenken dann der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Befürchtet werden neue gewaltsame Proteste. In diesem Jahr fällt der Tag zusammen mit dem dritten Tag des Eid-al-Fitr-Festes, des sogenannten Zuckerfestes zum Ende des Ramadan.

Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats

Am kommenden Sonntag befasst sich der UN-Sicherheitsrat in einer Dringlichkeitssitzung erneut mit der Eskalation im Nahen Osten. US-Außenminister Antony Blinken hatte einen früheren Termin abgelehnt und erklärt, ein paar Tage mehr Zeit könnten bewirken, dass die Bemühungen hinter den Kulissen für ein Ende der Kämpfe möglicherweise Früchte tragen.

Das 15-köpfige UN-Gremium hat in dieser Woche bereits zwei Mal hinter verschlossenen Türen getagt, sich aber nicht auf eine gemeinsame Erklärung einigen können. Die Vermittlungsbemühungen der UNO, Ägyptens und Katars für ein Ende der Kämpfe blieben bisher ohne erkennbaren Erfolg. Der US-Spitzendiplomat Hady Amr traf am Freitag zu einem Vermittlungsversuch in Israel ein. Blinken hatte am Mittwoch gesagt, er habe Amr gebeten, sich mit Vertretern der Israelis sowie der Palästinenser zu treffen, um im Namen von US-Präsident Joe Biden um Deeskalation zu werben.

Länder verurteilen Gewalt

In Wien hissten unterdessen am Freitag das Bundeskanzleramt und das Außenministerium die israelische Fahne als Zeichen der Solidarität. Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenminister Alexander Schallenberg (beide ÖVP) verurteilten die Angriffe auf Israel aus dem Gazastreifen scharf.

Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilten die Gewalt der Hamas. Macron bekräftigte in einem Telefonat mit Netanyahu am Freitag "unerschütterliche Verbundenheit mit der Sicherheit Israels", wie der Élyséepalast in Paris anschließend mitteilte. Von der Leyen schrieb auf Twitter: "Ich verurteile die wahllosen Attacken der Hamas auf israelisches Gebiet." Auf allen Seiten müssten Zivilisten geschützt werden. "Die Gewalt muss sofort enden."

Auch die deutsche Regierung verurteilte die Raketenangriffe und unterstrich das Recht Israels auf Selbstverteidigung. "Es sind Terrorangriffe", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. (APA/dpa/AFP/Reuters)

Protest im Libanon an Grenze zu Israel: Zwei Tote nach Panzerfeuer

Bei Zusammenstößen an der Grenze zu Israel sind zwei Demonstranten aus dem Libanon ums Leben gekommen, einer von ihnen durch Panzerfeuer. Ein 21-Jähriger sei getroffen worden, nachdem er mit Dutzenden anderen am Freitag über den Grenzzaun auf israelisches Gebiet gelangte, berichtete die staatliche libanesische Agentur NNA. Laut Augenzeugen wurde er am Bauch getroffen und starb später im Krankenhaus. Ein zweiter Demonstrant wurde angeschossen und erlag seinen Verletzungen.

Das erklärten Sicherheitskreise. Die israelische Armee bestätigte, dass Panzer Warnschüsse auf eine Gruppe von Randalierern abfeuerten. Diese hätten den Zaun beschädigt und Feuer gelegt, ehe sie in libanesisches Gebiet zurückkehrten. Die Demonstranten hatten ihre Solidarität mit den Menschen in Gaza und Jerusalem gezeigt und palästinensische Flaggen mit Blick auf das Dorf Metula im Norden Israels geschwenkt.

Libanons Präsident Michel Aoun verurteilte den Angriff. Die UN-Friedensmission UNIFIL teilte mit, im Kontakt mit der israelischen und libanesischen Armee zu stehen zur Vermeidung einer weiteren Eskalation. Der Vorfall würde "sofort" untersucht. "Wir fordern jeden auf, ruhig zu bleiben und eine Gefährdung weiterer Menschenleben zu vermeiden." Die Blauhelme überwachen seit 1978 das Grenzgebiet der beiden Länder.

Im Süden der Hauptstadt Beirut versammelten sich unterdessen Hunderte Palästinenser und Anhänger der mit Israel verfeindeten Hisbollah. Sie schwenkten Flaggen und riefen Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah auf, einzugreifen und die Menschen in den Palästinensergebieten zu retten.

Ein israelisches Kampfflugzeug griff im Libanon im Morgengrauen auch ein Fahrzeug an, wie es aus libanesischen Sicherheitskreisen hieß. Anrainer in der Region Hermel im Nordwesten nahe der Grenze zu Syrien berichteten von einer lauten Explosion. Unbestätigten Berichten zufolge wurde dabei ein Militärfahrzeug der Hisbollah getroffen. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Aus dem Libanon wurden am Donnerstag drei Raketen auf Israel abgefeuert.

Der Libanon und Israel befinden sich offiziell noch im Krieg. An der gemeinsamen Grenze kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah. Sie ist eng mit dem Iran verbündet und sieht wie Teheran in Israel einen Erzfeind. Der letzte Krieg zwischen der Hisbollah und Israel endete vor 15 Jahren.


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