„The Woman In The Window“: Ein Rätsel, das nie eines war

„The Woman In The Window“ war als Prestige-Film geplant. Jetzt startet er sang- und klanglos bei Netflix.

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Eine Psychologin spechtelt aus dem Fenster – und beobachtet dabei ein Verbrechen: Amy Adams in „The Woman In The Window“.
© Netflix

Von Joachim Leitner

Innsbruck – „The Woman In The Window“ wurde 2018 gedreht. Der Kinostart war für Oktober 2019 angekündigt. Bei Testvorführungen fiel der Film durch. Mehrere Szenen wurden nachgedreht – und die Veröffentlichung zunächst auf Frühjahr 2020 und schließlich Pandemie-bedingt auf Mai 2021 verschoben. In dieser Zeit ist einiges passiert: Recherchen des New Yorker enttarnten den J. F. Finn, den Autor der gleichnamigen Romanvorlage, als mutmaßlich krankhaften Lügner, der sich für sein äußerst erfolgreiches Buch bei mehreren weniger erfolgreichen Büchern bediente – und vor wenigen Wochen kündigte Produzent Scott Rudin nach Missbrauchsvorwürfen seinen Rückzug aus dem Showbiz an.

Nun also ist „The Woman In The Window“, der sich mit Fritz Langs prototypischen Film Noir von 1944, nur den Titel teilt, ziemlich sang- und klanglos bei Netflix erschienen. Man sieht dem Film noch immer an, dass er irgendwann als Prestige-Projekt galt. Regisseur Joe Wright, der zuletzt den sechsfach oscarnominierten Durchhaltefilm „Darkest Hour“ (2017) verantwortete, stellt seine Stars Amy Adams, Gary Oldman, Julianne Moore und Jennifer Jason Leigh in Einrichtungskatalog-taugliches Dekor, die Kamera schwebt, Danny Elfmans Score klingt nach großem Kino.

📽️ Video | Trailer zu „The Woman In The Window“

Adams spielt eine traumatisierte Psychologin, die ihr schmuckes New Yorker Stadthaus nicht mehr verlassen kann – und ihre Selbstmordgedanken mit Pillen, Rotwein und aus dem Fenster spechteln betäubt. Die Wohnung gegenüber wurde gerade neu bezogen. Eines Nachts sieht sie dort einen brutalen Mord. Doch wirklich glauben will ihr niemand. Sie ermittelt selbst ein bisschen, was die Vorgänge auf der anderen Straßenseite allerdings zusätzlich zu vernebeln scheint.

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Seine Ausgangssituation hat sich „The Woman In The Window“ von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“ (1954) geliehen. Schon ganz zu Beginn lässt Wright eine zentrale Szene des Klassikers über einen Flat-Screen laufen. Später ist dort die von Salvador Dali entworfene Traumsequenz aus Hitchcocks Mördermelodram „Spellbound“ (1945) zu sehen. Mit diesen Referenzen schmückt sich der Film, versucht ein Rätsel zu entwerfen, dass keines ist. Denn hier geht es weder um frivolen Voyeurismus im Dienste der Aufklärung wie im „Fenster zum Hof“ noch um Psychologie wie „Spellbound“. Vielmehr folgt „The Woman In The Window“ den Vorgaben eines ziemlich simplen „Whodunit“. Gesucht wird ein Mörder. Alles andere ist schön in Szene gesetzte Staffage. Im finalen Akt, nachdem das Rätsel, das – wie gesagt – nie eines war, mit großem Trara nicht etwa gelöst, sondern in seiner behaupteten Rätselhaftigkeit ausgestellt wurde, und der ob seiner Unwahrscheinlichkeit einzig wahrscheinliche Mörder ein letztes Mal das Messer schwingen kann, darf noch ein bisschen gerannt, gebrüllt und etwas geblutet werden. Auch ein Happy End, das partout keines sein will, muss sich verdient werden.


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