„Das Prachtboot“ von Götz Aly: Mahnmal eines Völkermordes

Der Historiker Götz Aly zeichnet in seinem Buch „Das Prachtboot“ eindrücklich nach, wie im Kolonialismus Kulturen vernichtet wurden.

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Das Luf-Boot soll zu einem der zentralen Exponate des Berliner Humboldt-Forums werden.
© SPK/Köhler

Innsbruck – Ende April hat die deutsche Bundesregierung angekündigt, die in der Kolonialzeit geraubten Benin-Bronzen an Nigeria ab 2022 zurückgeben zu wollen. „Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung Deutschlands, koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen“, erklärte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) dazu.

Die Debatte über Europas zögerlichen Umgang mit Beutekunst ist alt. Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hat mit „Afrikas Kampf um seine Kunst“ die lesenswerte wie erschütternde „Geschichte einer postkolonialen Niederlage“ erzählt. Die TT berichtete, ORF 2 widmet dem Thema heute einen Schwerpunkt seines „Kulturmontags“ (ab 22.30 Uhr).

Doch die Verbrechen in Afrika sind nur ein Kapitel dunkler Kolonialgeschichte. Das macht „Das Prachtboot“, das neue Buch des Historikers Götz Aly, deutlich. Aly blickt in die Südsee, auf Inseln, deren bis heute gängiger Name Bismarck-Archipel daran erinnert, wer hier einmal Herrschaftsansprüche stellte. Eine Handvoll Kaufleute regierten hier einst als absolutistische Abenteurer. Die Einwohner wurden drangsaliert, vergewaltigt und versklavt, ihre Dörfer geplündert und die Wälder gerodet, um Plantagen für Kokospalmen anzulegen. Ein „indirekter Völkermord“ habe sich auf den Inseln zugetragen, schreibt Aly. Binnen weniger Jahre wurde eine Kultur vernichtet. Übrig blieb nur das, was vor der Vernichtung „erworben“, sprich geraubt, oder für einige Glasperlen gekauft wurde – um in völkerkundlichen Sammlungen archiviert zu werden.

Im Zentrum des Buches steht das Luf-Boot, das in Bälde zu einem der zentralen Exponate des Berliner Humboldt-Forums werden soll. Ein Wunderwerk der Schiffsbaukunst, gut 18 Meter lang, hochseetauglich – und weltweit das letzte seiner Art. 1903 hat es ein deutscher Unternehmer „erworben“. Für einen Kauf fehlt jeder Beleg. Es sei „in seine Hände übergegangen“, heißt es in einer Notiz. Für Aly ist die Sache klar: Das letzte Boot wurde den letzten Bewohnern der Insel Luf im „Gefühl kolonialistischer Allmacht“ weggenommen. Die Gegenargumente der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der das Boot inzwischen gehört, können diesen Vorwurf kaum entkräften. Und die lange verbreitete Mär vom aussterbenden Inselvolk, dem für das Boot die Verwendung fehlte, macht die Sache nicht besser. Das Volk starb aus, weil es vernichtet wurde.

Bisweilen droht die notwendige Raubkunst-Debatte von anderen Verbrechen des Kolonialismus abzulenken. Götz Aly zeigt, dass sich das eine nicht vom anderen trennen lässt: Es wurden nicht „nur“ Artefakte geraubt, sondern Kulturen ausgelöscht.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat inzwischen verlautbaren lassen, dass im Humboldt-Forum am Beispiel des Luf-Bootes auch diese Geschichte erzählt werden soll. Das Prachtboot ist eine Kulturleistung, die den Atem raubt. Zum Schmuckstück taugt es nicht. Es ist ein Mahnmal. (jole)

Götz Aly: Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. S. Fischer, 240 Seiten, 21,60 Euro.


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