Diskriminierung im Amateurfußball: Mehmet steht im Abseits

Laut einer europaweiten Studie passiert Diskriminierung im Amateurfußball bereits vor dem Anstoß – in Österreich besonders ausgeprägt. ÖFB und TFV setzen auf Bewusstseinsbildung.

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„Viele Menschen, die in ein anderes Land oder eine neue Region ziehen, bauen soziale Kontakte über Sportvereine auf“, sagt Cornel Nesseler, Forscher an der Uni Trondheim und einer der Studienautoren.
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Von Benedikt Mair

Innsbruck – Sie heißen Selcuk Temiz, Dariusz Poturalski oder Cagri Toprak. „Sehr viele unserer Spieler haben einen fremd klingenden Namen, sind aber österreichische Staatsbürger“, sagt Lukas Pfurtscheller, Sportvorstand des Fußballclubs SK Jenbach. „Bei Fahrten in die Dörfer werden wir als Ausländermannschaft bezeichnet, beschimpft, als die Schwarzen oder Scheißtürken.“ Solche Aussagen schmerzen, „die Freude am Fußball kann uns trotzdem keiner nehmen“, meint er. Rassismus auf Tirols Sportplätzen ist keine Randerscheinung.

Diskriminierung passiert im Amateurfußball allerdings bereits vor dem Anstoß. Ob jemand benachteiligt wird oder nicht, hängt mit dem Namen zusammen. Das zeigt eine europaweite Untersuchung, die von Wissenschaftern der Universitäten Zürich und Trondheim durchgeführt und im Fachblatt Humanities and Social Sciences publiziert wurde. 23.000 Vereine aus 22 Staaten wurden kontaktiert, „ihre Trainer mit einem ganz einfachen E-Mail angeschrieben“, sagt Cornel Nesseler, Forscher an der Uni Trondheim und einer der Studienautoren. „Der Inhalt war immer derselbe, die Sprache gleich.“ Der erdachte Verfasser erkundigte sich, ob er an einem Probetraining teilnehmen könne, er habe bereits auf vergleichbarem Niveau gespielt. „Unterschieden hat sich nur der Name des Absenders“, berichtet Nesseler. „Entweder er klang einheimisch, oder aber war aus einer der drei größten Einwanderergruppen im jeweiligen Gebiet entlehnt.“

Das Ergebnis war in allen untersuchten Regionen dasselbe: Jenen mit ausländischem Namen wurde weniger oft geantwortet. In Ländern wie Frankreich, Irland oder Portugal war die Differenz relativ gering. Österreich hingegen schnitt schlecht ab. Hier seien laut Nesseler 1800 Vereine angeschrieben worden. „Absender mit einheimischen Namen haben 20 Prozent öfter eine positive Antwort erhalten als die andere Gruppe. Statistisch ist das extrem signifikant.“

Dem – fiktiven – Lukas Huber wurde beispielsweise in 59,9 Prozent der Fälle zurückgeschrieben, gefolgt von Daniel Winkler (55,2 Prozent), Florian Gruber (51,9 Prozent), Michael Weber (51,3 Prozent) und Alexander Wagner (49,7 Prozent). Wohingegen Teamchefs auf die Anfragen von Aleksandar Marković (40,3 Prozent), Dragan Tomić (37 Prozent), Mehmet Çelik und Goran Petrović (beide jeweils 31,6 Prozent), Nikola Đordević (30,5 Prozent) oder Mustafa Sahin (27,9 Prozent) deutlich weniger oft reagierten.

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Für den Sportökonomen Nesseler ist das fatal. „Die Trainer bestimmen, wer mitspielen darf und wer nicht. Sie regeln den Zugang zur Mannschaft. Viele Menschen, die in ein anderes Land oder eine neue Region ziehen, bauen soziale Kontakte über Sportvereine auf. Während des Trainings, der Spiele, aber auch abseits des Platzes. Sie sitzen mit den neuen Bekannten abends zusammen, verabreden sich auch am Wochenende. Das kann helfen, dass sich neue Mitbürger wohl fühlen.“

Geisler: Aufzeigen von Diskriminierung „sensibles Thema“

In Tirol sind, Stand Anfang Mai 2021, insgesamt 78.296 Männer, Frauen und Kinder als Fußballspieler und -spielerinnen gemeldet. Davon besitzen 11,4 Prozent (9001) eine andere als die österreichische Staatsbürgerschaft. Die größten Gruppen stellen die Türken (2159), Deutschen (1641) und Bosnier (775). Gemessen an der Wohnbevölkerung sind Menschen mit ausländischem Pass im heimischen Amateurfußball leicht unterrepräsentiert – im Jahr 2019 stammen 16,4 Prozent der hier Lebenden aus einem anderen Land. Für Josef Geisler, Präsident des Tiroler Fußballverbandes (TFV), ist das Aufzeigen von Diskriminierung wichtig, es sei „ein sehr sensibles Thema. Immer wieder weise ich bei Sitzungen darauf hin, in der Trainerausbildung wird es eingehend behandelt.“ Angesichts der Tatsache, dass in Tirol Spieler aus 125 Nationen gemeldet seien, findet es Geisler aber unangebracht „dem organisierten Amateurfußball das Mäntelchen des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit umzuhängen“.

Ingo Mach, beim Österreichischen Fußballbund (ÖFB) verantwortlich für Prävention und soziale Verantwortung, ist bewusst, „dass es im Sport einen gewissen Alltagsrassismus gibt“. Der ÖFB mache sehr viel, um das zu ändern, habe in jüngster Vergangenheit mehrere Aktionen gestartet. Noch sei der Inhalt dieser Projekte aber „nicht an die Masse der Österreicher durchgedrungen“, sagt Mach. Ein Grund dafür seien fehlende Gelder, um die Kampagnen wirklich breit auszurollen. „Überall, wo präventiv gearbeitet werden muss, fehlen die Mittel.“

Für Lukas Pfurtscheller vom SK Jenbach gibt es auf dem Weg zur Gleichbehandlung von Spielern aller Nationen und Hautfarben noch viel zu tun. „Und das lohnt sich“, meint er. Auch, weil Integration so besser gelingen könne. „Im Fußball knüpfen diese Menschen soziale Kontakte, abseits davon haben sie keine Chance dazu. Es wird auch abseits des Platzes, privat, was gemeinsam unternommen, dadurch auch die deutsche Sprache schneller und besser erlernt.“


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