Schlechtes Omen für „Amen"? So stehen Vincent Buenos Chancen beim heutigen Song-Contest-Halbfinale

Ein Eurovision Song Contest im Zeichen Wissenschaft: 17 Nationen trällern heute Abend beim 2. Halbfinale um die verbliebenen zehn Finaltickets – darunter auch Österreich. Für Vincent Bueno und seinen Song „Amen" wird es Zeit für ein letztes Stoßgebet. Was auch klar wird: Corona kennt trotz hoher Sicherheitsvorkehrungen keine Gnade.

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Vincent Bueno geht heute Abend mit der Startnummer fünf ins Rennen.
© EBU/Andres Putting

Von Tamara Stocker

Innsbruck – So richtig normal war der Eurovision Song Contest (ESC) ja noch nie. Und in diesem Jahr ist alles noch ein bisschen schräger. Keine langen Partynächte auf der Feiermeile, kein aufgescheuchtes Miteinander unter den Musikacts, keine Selfie-Orgien mit euphorischen Fans. Und erst recht keine spontanen Ausflüge – stattdessen heißt es für die 38 Delegationen in Rotterdam: Hotel statt Halligalli. Jeder Termin muss genehmigt werden, Taxi oder Öffis sind tabu. Man trifft sich nicht abends im Euroclub, sondern nachmittags im Corona-Testzentrum.

🔴 Der ESC im Live-Ticker auf TT.com

Nicht verpassen: Das 2. Halbfinale mit rot-weiß-roter Beteiligung am Donnerstag sowie das große Finale am Samstag begleitet TT.com wie jedes Jahr im Live-Ticker! TT-Redakteurin Tamara Stocker kommentiert den musikalischen Trash-Stadl ab 21 Uhr gewohnt ungeniert aus der Ferne.

Und trotzdem bringt uns der ESC heuer ein Stück weit Normalität zurück: Die neun Shows in der Ahoy Arena, drei davon live im TV, finden nämlich mit Publikum statt – es ist ein Feldversuch, um herauszufinden, wie Großveranstaltungen in Pandemie-Zeiten stattfinden können. 3500 Fans dürfen das Musikspektakel von den Rängen aus miterleben. So richtige und voll echte Menschen. Mit Haaren und so. Ohne Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung. Voll echte, vorab freilich getestete Menschen, die Emotionen zeigen, sich anfassen, gemeinsam jubeln und klatschen. Schluss mit eingespieltem Applaus. Dieses Gefühl. Das kann kein Tonband erzeugen.

Vor der großen Bühne findet sich nun der „Green Room" für die Teilnehmer anstelle der sonst üblichen Stehplätze für die Menge, um Akteure und Publikum sicherheitstechnisch zu trennen.
© NPO/NOS/AVROTROS NATHAN REINDS

Eine knappe Kiste

Entsprechend surreal kam es daher, das erste Halbfinale am Dienstagabend. Erst war es zum Augenreiben. Dann zum neidisch werden. Und ja, eh... zwischendurch zum Ohrenzuhalten. Ist ja schließlich immer noch der Song Contest. Da gab es entenartigen Plärrgesang aus der Ukraine, litauischen Fingertanz in Minion-Optik, russischen Feminismus im üppigen Trickkleid, ein teufelsanbetendes Lady-Gaga-Double und einen sonnenbebrillten Eisbär-Engel in Handschellen – nur fünf von zehn Beiträgen, die mit dem Finaleinzug gesegnet wurden.

📽️ Video | So klingt Vincent Buenos Song „Amen"

Diesen muss sich Österreichs Vertreter Vincent Bueno mit seiner Pop-Ballade „Amen" am heutigen Donnerstagabend erst noch ersingen – doch so sicher wie das Amen im Gebet ist ein Aufstieg ins Finale am Samstag leider nicht. Zumindest, wenn es nach den Wettbüros geht. Die sagten zumindest im ersten Halbfinale schon neun von zehn Acts richtig voraus. Ein schlechtes Omen?

Bueno setzt auf ein reduziertes Bühnenbild.
© EBU/Andres Putting

Denn vergleicht man aktuell die Quoten von 15 Buchmachern, könnte es für den 35-Jährigen denkbar knapp werden. War es gestern noch Platz elf des 17-köpfigen Kandidatenfeldes im zweiten Semifinale, hat er sich heute wieder um einen Rang verbessert – was Endrunde statt Ende bedeuten würde. Die Zocker sind sich also selbst nicht ganz so sicher. Im Worst Case wäre es jedenfalls das zweite Jahr in Folge, dass ein ESC-Finale ohne rot-weiß-rote Beteiligung über die Bühne geht. Wir erinnern uns: 2019, einer Zeit, in der Corona noch ein unschuldiges Bier war, war die blauhaarige Pænda mit ihrer maximal reduzierten Elektropopnummer „Limits" gescheitert. Bei Buenos Ballade ist immerhin etwas mehr Wums dahinter – für ihn selbst ist die Nummer ein „Meisterwerk". Performancetechnisch setzt aber auch er auf eine One-Man-Show in dunkler Aufmachung. „Es wird sehr minimalistisch. Ich bin alleine auf der Bühne. Besser minimalistisch und effektiv. Das Kostüm, das Licht und das Lied werden alles tragen", verriet Bueno im Interview mit der Tiroler Tageszeitung. Und wenn man sich die ersten Eindrücke aus den Proben so ansieht, bestätigt sich: Das Team hat aus dem Song rausgeholt, was rauszuholen war.

Island kam Corona in die Quere

Ob das Jurys und Zuschauern gefällt und reicht, wird sich heute Abend zeigen. Der Wiener wird das Feld jedenfalls mit Startnummer fünf bespielen. Weniger um eines der letzten Finaltickets zittern müssen wohl die Beiträge aus der Schweiz, Bulgarien oder Island – sie rittern laut Buchmachern mit um den Gesamtsieg. Die Isländer Nerd-Formation Daði og Gagnamagnið galt schon 2020 als absoluter Top-Favorit – muss nun allerdings erneut einen Dämpfer einstecken: Ein Mitglied der Band wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Heißt im Klartext: Kein Live-Auftritt in Rotterdam.

So sehen es die strengen Covid-19-Protokolle der Veranstalter vor. Für einen solchen Ernstfall mussten die teilnehmenden Nationen bereits im März einen unter Wettbewerbsbedingungen stattfindenden Liveauftritt aufzeichnen. Vincent Bueno etwa sang seine Nummer „Amen" auf der „Starmania"-Bühne ein. Eine solche „Live on Tape"-Aufnahme kam bereits beim ersten Halbfinale zum Einsatz: Australien hatte sich nämlich dazu entschieden, nicht in die Niederlande zu reisen.

Alternativ darf auch einer der aufgezeichneten Durchläufe der zweiten Probe gewählt werden. Für diese Variante haben sich die Isländer nun entschieden, wie Frontmann Daði Freyr auf Twitter bekanntgab. Eventuell könnte es also heuer einen Gewinner aus der Konserve geben. Was ist beim Song Contest auch schon normal?

📽️ Video | So klingt der isländische Beitrag „10 Years"


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