Tanztheater mit "María de Buenos Aires": Das dunkle Zentrum wird umtanzt

Enrique Gasa Valgas Inszenierung von „María de Buenos Aires“ wurde im Großen Haus des Landestheaters erstmals vor Publikum gezeigt.

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Julieta Anahi Frias (rechts) und Mitglieder der Tanzcompany des Tiroler Landestheaters in Astor Piazzollas „María de Buenos Aires“.
© TLT/Gufler

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Die Bar sperrt wieder auf. Auch in Enrique Gasa Valgas Inszenierung von „María de Buenos Aires“. Der Regisseur und Choreograf hat seine Ausdeutung von Astor Piazzollas „Tango Operita“ in einer argentinischen Bar Notable verortet. Das ist eine bodenständig-schlüssige, von Bühnenbildner Helfried Lauckner und Andrea Kuprian (Kostüme) mit viel Liebe zum Detail – Stichwort: Diego Maradona – ausgestattete Setzung für ein Stück, das seine Handlung vor allem in surreal-symbolistischen Schmerzens-Versen von Librettist Horacio Ferrer vorantreibt.

Zumal angenommen werden darf, dass „María de Buenos Aires“ selbst auch in der einen oder anderen argentinischen Bar zu seiner Form fand. Die waren und sind – hiesigen Kaffeehäusern vergleichbar – auch und gerade für Kulturschaffende Begegnungs- und Rückzugsstätten. Und sie waren und sind Orte des Tangos, des klassischen wie des von Piazzolla geprägten neuen, als Kompositions-, Tanz- und letztlich Lebensstils.

„María de Buenos Aires“ erzählt seine tragische Geschichte in Form einer Geisterbeschwörung. Das kurze Leben einer Frau wird nachgezeichnet. Der hoffnungsvolle Aufbruch von der Vorstadt in die Hauptstadt, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, Rückschläge, Fehl- und Übergriffe, Missbrauch, letztlich der Verlust aller (Über-)Lebenskraft. Und „María de Buenos Aires“ ist eine exemplarische Geschichte männlicher Gewalt: María steht für viele Marías. Das unterstreicht Gasa Valga. Er lässt das, was María erlebt hat, in großen, bisweilen atemraubend akrobatischen Chorografien von verschiedenen Tänzerinnen darstellen.

An das dunkle Zentrum des Stücks – physische, psychische und letztlich strukturelle Grausamkeit – wagt er sich aber nur zögerlich. Erschütterung und Schmerz bleiben in diesen, fraglos spektakulären, Momenten Behauptung. Piazzollas Musik fegt über sie hinweg. Und die illustrierenden Videoeinspielungen (Andreas Leichtfried, Martin Venier) verlieren sich im Kitsch: Eine Rose verblüht, ein Herz brennt.

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Die aus dem Totenreich zurückgeholte María wird von der Argentinierin Julieta Anahi Frias gespielt. Die ausgebildete Tango-Sängerin verkörperte den Part bereits bei der britischen Erstaufführung der „Operita“. Sie überzeugt nun auch bei ihrem Debüt am Tiroler Landestheater als Frau, die erneut durchlebt, wie ihr Lebenswille vom Leben selbst gebrochen wird, mit magnetischer Präsenz.

Andrea De Majo bleibt im zweiten Vokalpart als Marías Gegenspieler eher Schablone: Mal schmucker Schweiger, dann paramilitärischer Polterer ist sein Payador eine recht blasse Bedrohung. Das Tiroler Symphonieorchester, geleitet von Tommaso Turchetta, und der Chor des Landestheaters (Einstudierung: Michel Roberge) machen ihre Sache gut. Bandoneonist Santiago Cimadevilla steigt gelegentlich aus dem Graben – und sorgt auf der Bühne für anrührende Momente. Von Alexander Medem, der den im Libretto koboldhaften Erzähler gibt, wird er dafür mit einem Schluck Bier belohnt. Enrique Gasa Valga hat den Kobold zum Kellner gemacht. In seiner Verzweiflung über die Geschichte, die er erzählen muss, betrinkt er sich. Hier zeigt sich der Regisseur doch noch als konsequenter Ausdeuter schmerzhafter Erfahrungen: Auch diese Geschichte einer Missbrauchten wird von einem Mann erzählt. Aber er säuft wenigstens dagegen an.


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