Lyrikerin Monika Rinck: Kritische Schreibarbeit mit Federboa

Monika Rinck war beim W:Orte-Festival zu Gast. Ein Gespräch über realistische Gedichte, stressige Prosa und subversive Operetten.

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Die Lyrikerin Monika Rinck war in der vergangenen Woche beim Innsbrucker Lyrikfestival „W:Orte“ zu Gast.
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In Ihrer Poetik-Vorlesung „Wirksame Fiktionen“ plädieren Sie dafür, Lyrik in Buchhandlungen und Bibliotheken bei den Sachbüchern einzuordnen. Warum?

Monika Rinck: Es geht um eine Form der Wahrhaftigkeit. Ich glaube, dass Lyrik etwas über die Realität sagt, ohne sie zu verstellen. Gute Lyrik ist realistisch gegenüber dem menschlichen Denken, sie ist nahe an dem, wie wir die Welt wahrnehmen, was wir uns vorstellen und wovon wir uns ablenken können. Anders als fiktionale Narration gibt Lyrik nicht vor, etwas eindeutig durcherzählen zu können, sondern stellt das Eindeutige immer auch in Frage.

Das heißt, Lyrik hat immer auch politisches Potenzial, weil herrschende Narrative hinterfragt werden?

Rinck: Man kann natürlich sagen, dass jedes Gedicht politisch ist, weil es die Konventionen der Alltagssprache subversiv benutzt – und als Form „anderen Sprechens“ verstanden werden kann. Aber das wäre mir zu wenig. Die Frage ist immer, wer spricht und von wo aus gesprochen wird. Ich habe ein Gedicht von István Kemény mitübersetzt, das bei den Protesten gegen Viktor Orbán eine große Rolle spielte. Auf Deutsch liest es sich recht konventionell, im Kontext der Demonstrationen hat es unglaubliche politische Kraft. Das lässt sich nicht übersetzen. Übersetzen ist kein lexikalisches Problem. Für jedes Wort findet sich eine Entsprechung. Ein bestimmter Duktus, das, was im Vortrag mitschwingt, lässt sich aber nicht übersetzen. Gerade das, was sich nicht übersetzen lässt, sagt etwas über die Gesellschaft aus. Warum kann etwas in unserer Sprache nicht so verkörpert werden?

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Amanda Gormans bei der Amtseinführung von Joe Biden vorgetragenes Gedicht „The Hill We Climb“ scheint mir ein anderes Beispiel für dieses Phänomen zu sein.

Rinck: Für diese Form von politischem Pathos gibt es kein Äquivalent im Deutschen. Jedenfalls kein unverfängliches.

Gormans Auftritt wurde aber auch als Beleg für die Kraft der Lyrik gedeutet. Geht es der Lyrik heute besser als vor wenigen Jahren?

Rinck: Bei Auflagen von unter 1000 Stück kann man nicht ernsthaft von einem „Lyrikboom“ sprechen. Kaum jemand kann von Lyrik leben. Der Hinweis darauf, dass man dann halt Rapper werden muss, führt ins Nichts. Nicht jede Lyrikerin, nicht jeder Lyriker, will oder kann Lyrics schreiben. Andererseits nervt mich auch diese tapfer masochistische Haltung von Lyrikern als heroischen Verteidigern des Richtigen, Wahren und Schönen.

Warum, glauben Sie, tut sich Lyrik schwer, ein großes Publikum zu erreichen?

Rinck: Vielleicht weil die Leserinnen und Leser bei Gedichten noch mehr aufgefordert sind, mitzumachen, um Leerstellen zu füllen und eigene Deutungen hinzuzufügen.

Die Aussicht auf aktive Rezeption macht Lesenden Angst?

Rinck: Wenn es so ist, ist es schade. Mich stressen ja eher Prosatexte, in denen ich die Familienverhältnisse durcheinanderbringe.

Im Gedichtband „Alle Türen“ schlagen Sie die Operette als Vorbild für Lyrik vor.

Rinck: Lyrik steht im Verdacht eines exklusiven Sprachgebrauchs. Aber ich will niemanden ausschließen. Nun könnte man sagen: Lyrik ist schwierig, weil die Verhältnisse schwierig sind. Aber das ist mir zu einfach. Ich habe in Berlin Barrie Koskys schöne, subversive und autoritätskritische Deutung von Offenbachs „Die schöne Helena“ gesehen – und wünschte mir, es gäbe in der Lyrik Ähnliches: Kritik und Schreibarbeit mit Federboa. Als Möglichkeit, mit Überdrehtheit und Heiterkeit die Obrigkeit anzugreifen.

Operette gilt als Flucht aus der Realität.

Rinck: Aber sie ist mehr als das. Karl Kraus und Walter Benjamin haben über das subversive Potenzial der Operette geschrieben. Darüber habe ich nachgedacht. Es wäre doch schön, wenn sich auch die Möglichkeiten der Lyrik auf überbordende Weise vermehren lassen.

Das Gespräch führte Joachim Leitner


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