Behauptung im Faktencheck: „Erschreckend" viele Covid-Kranke trotz Impfung?

Im Internet kursiert die Behauptung, die Corona-Schutzimpfung wirke nicht. Als Beleg werden Zahlen verwendet, nach denen sich in Österreich 80 Geimpfte dennoch mit SARS-CoV-2 infizierten und 20 davon schwer erkrankten. Wir erklären, was ein „Impfdurchbruch" ist und wie dieser einzuordnen ist.

  • Artikel
  • Diskussion
Der Corona-Impfung gilt derzeit Aufmerksamkeit wie keinem anderen Wirkstoff zuvor.
© Robert Michael

Wien – In Österreich hat die Covid-19-Impfkampagne zuletzt Fahrt aufgenommen. Über vier Millionen Dosen wurden bereits verabreicht. Einige Menschen sehen das kritisch und weisen immer wieder auf vermeintliche Gefahren in Zusammenhang mit der Impfung hin. Derzeit heißt es etwa in einem „unzensuriert"-Artikel, dass laut einer „erschreckenden Studie" 80 Geimpfte an Corona erkrankt seien, 20 davon schwer. Als Quelle wird das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen genannt.

Zu überprüfende Information: Einer Studie des Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) zufolge sind 80 Geimpfte an Corona erkrankt, 20 davon schwer. Das sind "erschreckende" Resultate.

Einschätzung: Tatsächlich ist laut dem BASG bis 14. Mai 2021 bei 80 vollimmunisierten Menschen die Schutzwirkung ausgeblieben. Allerdings sind 80 Menschen gemessen an den bis dahin vollständig gegen Corona Geimpften eine sehr niedrige Zahl und liegt, was die Wirksamkeit der Impfstoffe betrifft, vollkommen im Rahmen.

Überprüfung: Das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) berichtet regelmäßig über Meldungen vermuteter Nebenwirkungen nach Covid-19-Impfungen. Es informiert auch über Covid-19-Erkrankungen bei Vollimmunisierten – eine Studie ist dieser Bericht aber nicht. Das Ausbleiben der Schutzwirkung des Impfstoffs wird als Impfdurchbruch bezeichnet. Er tritt ein, wenn nach der 2. Dosis ein Zeitraum von sieben Tagen bzw. der einzigen Dosis ein Zeitraum von 28 Tagen oder mehr verstrichen ist und die betroffene Person SARS-CoV-2 positiv ist sowie Symptome aufweist.

Jetzt eine von drei Tourenrodel oder Lunch-Set gewinnen

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Bis 14. Mai 2021 seien 80 solcher Fälle gemeldet worden. Acht Personen seien verstorben und ein Fall wurde demnach als lebensbedrohlich eingestuft. 959.176 Menschen in Österreich hatten laut dem Gesundheitsministerium bis 7. Mai (Anm. Vollimmunisierung eine Woche nach 2. Dosis, also am 14. Mai) einen vollständigen Impfschutz. Gemessen daran erkrankten also nur 0,008 Prozent der vollständig Geimpften an Covid-19, also etwa einer von 10.000.

Das liegt völlig im Rahmen der von Zulassungsstudien angegebenen Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe. Der Impfstoff von BioNTech/Pfizer hat den Studien zufolge eine Wirksamkeit von 95.0 Prozent, jener von Moderna eine von 94.1 Prozent, der von AstraZeneca eine von 59.5 Prozent und der von Johnson & Johnson eine von 66,9 Prozent. Die Angaben variieren von Quelle zu Quelle, da später noch Beobachtungsstudien hinzukamen, die in diesen Faktencheck aber nicht miteinfließen.

Die Wirksamkeit zeigt die Wahrscheinlichkeit an, im Vergleich zu Placebo-geimpften Studienteilnehmern an dem Virus zu erkranken. In Bezug auf den Schutz vor schweren oder tödlichen Krankheitsverläufen kann die Wirksamkeit sogar höher liegen.

Bei den Impfstoffstudien von BioNTech/Pfizer erkrankten von 18.198 geimpften Menschen acht, von 18.325 nicht-geimpften Personen aber 162. 0,044 Prozent der Geimpften erkrankten also. Bei Moderna sind es 0,078 Prozent, bei AstraZeneca 1,2 Prozent und beim Impfstoff Janssen 0,336.

Das zeigt, dass offenbar sogar weniger Menschen in Österreich nach einem vollständigen Impfschutz an Covid-19 erkrankten, als es auf Basis der Zulassungsstudien eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Bei allen in der EU zugelassenen Covid-19-Impfstoffen gilt die Wirksamkeit als hoch. Zu beachten ist, dass die Parameter in den Zulassungsstudien leicht voneinander und auch von den Parametern, die das BASG verwendet, abweichen. So zählt beispielsweise Moderna alle Fälle erst 14 Tage nach der zweiten Dosis und BioNTech/Pfizer sowie das BASG hingegen bereits sieben Tage nach der zweiten Dosis. Auch bei der Anzahl und Schwere der Symptome gibt es leichte Abweichungen.

Experteneinschätzung zu Impfdurchbrüchen

Markus Zeitlinger, Leiter der Abteilung für klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien, sagte auf Anfrage, dass 80 Impfdurchbrüche überhaupt keine hohe Zahl seien. Er identifiziert in dem Zusammenhang mehrere Faktoren. Einerseits müsse man diese Zahl – wie oben dargelegt – in Relation zu den verabreichten Impfungen sehen. Andererseits in Hinblick darauf, wie stark die Pandemie grassiert: „Wenn sich insgesamt nur 100 Leute in Österreich infiziert hätten und 80 davon sind Geimpfte, dann würde es nicht gut ausschauen. Aber (...) es haben sich viel mehr jeden Tag infiziert und selbst jetzt infizieren sich ja noch jeden Tag mehr Leute und damit ist 80 keine hohe Zahl."

Prinzipiell gilt, dass Menschen, die trotz vollständiger Covid-19-Impfung erkranken, nicht genügend Antikörper bzw. keine effizienten Antikörper gebildet hätten, so Zeitlinger. Hier spielt das Immunsystem eine Rolle. Bei älteren Menschen etwa spricht es weniger auf die Impfung an, sie haben ein schwächeres Immunsystem. Auch bestimmte Menschen, die Medikamente nehmen, beispielsweise Organ-Transplantierte, hätten ein schlechteres Immunsystem, weil die Medikamente ihr Immunsystem unterdrücken würden, erläutert Zeitlinger: „Das sind Personen, die hier besonders gefährdet sind".

Bei den acht Menschen, die nach Erlangen des vollständigen Impfschutzes verstorben sind, hat es sich laut Zeitlinger vor allem um alte und sehr alte Menschen gehandelt. Diese sind ohnehin gefährdeter, an Covid-19 zu sterben oder einen schweren Verlauf zu haben – das spielt auch nach einem versagten Covid-19-Impfschutz eine Rolle.

Auch die Zeit ist ein wichtiger Faktor. Vor allem am Anfang seien die ältesten Menschen geimpft worden. Diese hätten daher auch mehr Zeit gehabt, zum sogenannten „Impfversager" zu werden. „Wenn man jetzt vor einer Woche die zweite Impfung bekommen hat, dann hat man noch gar keine Zeit gehabt, sich zu infizieren, weil erst nach der zweiten Teilimpfung begonnen wird, zu zählen. (...) Und die anderen haben jetzt doch schon vier, fünf Monate Zeit gehabt sozusagen, sich zu infizieren." Die Gründe dafür, trotz vollständigem Impfschutz zu erkranken, akkumulieren sich also bei der älteren Generation.

Dass diese Daten in den Medien „komplett" untergehen würden, wie im „unzensuriert"-Artikel behauptet, ist falsch. Sowohl die APA, als auch der ORF berichteten ausführlich über den aktuellen BASG-Bericht. Genauso wie auch die Tiroler Tageszeitung. (TT.com, APA)


Kommentieren


Schlagworte