Dialog-Angebot oder Stigmatisierung? Raab präsentierte Islam-Landkarte

Angebot zum Dialog oder Stigmatisierung? Die „Dokumentationsstelle politischer Islam“ legt eine Islam-Landkarte und Dossiers zu muslimischen Verbänden vor.

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623 Einträge in ganz Österreich: Ministerin Susanne Raab (l.) präsentiert eine Landkarte des Islam in Österreich.
© APA/Hochmuth

Wien – Die Einträge zu manchen Moscheen auf der Islam-Landkarte des muslimischen Religionswissenschafters Ednan Aslan sprechen eine deutliche Sprache: „türkisch-nationalistisch“, „salafistisch“, „konservativ“. Bei einem Verein in Linz werden „rechtsextreme Aktionen“ erwähnt. Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) hat die Landkarte gestern als Teil der Arbeit der „Dokumentationsstelle politischer Islam“ vorgelegt. „Man darf auf keinem Auge blind sein“, sagte sie – und appelliert an die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ), problematischen Tendenzen in den eigenen Reihen wirksam zu begegnen. Die IGGÖ reagiert mit scharfer Kritik. Präsident Ümit Vural wirft Raab vor, „pauschal alle in Österreich lebenden MuslimInnen als potenzielle Gefahr für die Gesellschaft und demokratische Rechtsordnung im Land zu stigmatisieren“.

Die Landkarte steht für Raab in einer Reihe von Bemühungen im Eintreten gegen den „politischen Islam“. „Ich bin Integrationsministerin und will nicht, dass in unserem Land eine spaltende Ideologie verbreitet wird.“ Gleichzeitig betont sie, die Muslime nicht mit einem „Generalverdacht“ belegen zu wollen: „Die Mehrzahl lebt friedlich und in Einklang mit unseren Werten.“

Aslan berichtet, er habe als Basis für die Landkarte viele Gespräche mit den Verantwortlichen der Vereine geführt. Das Ergebnis sieht er als Beschreibung der Stärken und Schwächen der Vereine und Moscheen. Zu den Stärken zählt er Unterstützung für Schüler und Flüchtlingsbetreuung. „Auf der anderen Seite haben wir gefährliche Tendenzen. Unter diesen leiden auch die Muslime.“

44 Moscheen und Vereine in Tirol

Landkarte. Die Islam-Landkarte soll einen Überblick über muslimische Einrichtungen in Österreich bieten. Mehr als 600 Moscheen, Vereine und Einrichtungen sind verzeichnet (www.islam-landkarte.at). 44 davon sind in Tirol.

Ausrichtung. Neben Adresse und Erreichbarkeit haben der Wiener Islamwissenschafter Ednan Aslan und seine Mitarbeiter auch Informationen zur Ausrichtung („türkisch-nationalistisch“, „konservativ“ etc.) verzeichnet. Manche Einträge sind noch „in Bearbeitung“.

Schwerpunkt Innsbruck. Die meisten Einrichtungen in Tirol finden sich in Innsbruck und Umgebung. Vertreten sind auch Kufstein, Wörgl, Schwaz und Imst. Im Außerfern gibt es zwei Einträge, in Osttirol keinen.

Neben der Karte legte die Dokumentationsstelle Dossiers zu den drei größten muslimischen Dachverbänden vor – nämlich ATIB, Milli-Görüs und Graue Wölfe. Mouhanad Khorchide, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Dokumentationsstelle, will diese Dokumentationen als Angebot zum Dialog verstanden wissen. „Wir strecken die Arme aus“, betont er – und stellt Fragen, wie er sagt: bei Milli-Görus nach der Distanzierung von den extremistischen Positionen des Gründers Necmettin Erbakan. Bei ATIB nach dem Naheverhältnis zum türkischen Staat. Bei den Grauen Wölfen nach gewaltverherrlichenden Tendenzen.

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Raab, Aslan und Khorchide betonen die Unterscheidung zwischen „Islam“ und „politischem Islam“. Auf der einen Seite die Religion. Auf der anderen Seite das Ziel einer Gesellschaftsordnung, die als islamisch angesehen wird, aber im Widerspruch zu Rechtsstaat und Menschenrechten steht. Wie viele Moscheen und Vereine sie als problematisch ansehen, sagten sie nicht: Man wolle nicht pauschalieren.

Genau das täten sie aber, kritisiert Vural. Er spricht von „politischer Einflussnahme und Instrumentalisierung der Wissenschaft“. Er kritisiert, dass die IGGÖ in das seit 2012 bestehende Projekt der Landkarte nie eingebunden“ gewesen sei. Die Informationen seien teilweise stark veraltet. Rückmeldungen habe man zwar eingeholt, diese aber nicht eingearbeitet.

Auch bei den Dossiers zu den Verbänden habe es keine Einbindung gegeben. Vural: „Eine tatsächliche Dialogbereitschaft darf daher angezweifelt werden.“ (sabl)


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