Aufreger Islam-Karte: Ein schwer belastetes Verhältnis

Die neue Islam-Landkarte sorgt für Kritik. Der Integrationsexperte Güngör verteidigt das Projekt. Er sieht aber auch Fehler auf Seiten der Regierung.

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Unbekannter Islam: Nicht-Wissen verstärkt Vorurteile. Die neue Islam-Landkarte sorgt aber auch für viel Kritik.
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Von Wolfgang Sablatnig

Wien – Die „Islam-Landkarte“ des Wiener Islamwissenschafters Ednan Aslan ist nicht neu. Die Präsentation durch Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) hat ihr aber zu viel Aufmerksamkeit verholfen – und hat vor allem viel Kritik ausgelöst: Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) fühlt sich ausgeschlossen und warnt vor Rassismus. Die Grünen als Koalitionspartner der ÖVP sind „irritiert“. Sie betonen, weder eingebunden noch informiert gewesen zu sein. Die Universität Wien verbot den Projektbetreibern, ihr Logo zu verwenden. Vertreter der islamischen Vereine fürchten um ihre Sicherheit, weil in der Datenbank private Adressen genannt sind. SPÖ und NEOS lehnen das Projekt ebenfalls ab. Der evangelische Bischof Michael Chalupka fordert, die Landkarte sofort vom Netz zu nehmen. Nur die FPÖ sieht sich bestätigt.

Die Präsentation und die Reaktionen darauf zeigen, wie belastet die Diskussion um und mit dem Islam ist. Der Soziologe und Integrationsexperte Kenan Güngör – Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der „Dokumentationsstelle Politischer Islam“ – macht dafür Ursachen auf beiden Seiten aus.

„Der stark integrationsfeindliche und muslimfeindliche Diskurs seit der Regierung von ÖVP und FPÖ hat die Menschen auf beiden Seiten geprägt“, sagt Güngör im Gespräch mit der TT. Vielleicht hätte man das Projekt der Landkarte anders präsentieren sollen, nicht im Zusammenhang mit der Dokumentationsstelle. Nachdenken könne man auch über die Nennung der Adressen in der Datenbank.

Güngör unterstützt das Projekt aber. Ziel sei Information über die Moscheen und islamischen Vereine: „Das Nicht-Wissen verstärkt Vorurteile.“ Schulen und Bürgermeister sollen sich informieren können, mit wem sie es zu tun haben, bevor etwa Schulklassen eine Moschee besuchen: „Man muss die Spreu vom Weizen trennen.“

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Warum aber wird dieses Projekt dann nicht gemeinsam mit der IGGÖ ausgearbeitet? Güngör: „Das hätte auch die Glaubensgemeinschaft machen können. Nur ist die Frage, ob die Glaubensgemeinschaft ihre Vereine ähnlich kritisch reflektieren würde. Solange die IGGÖ sich nicht glaubwürdig von ultranationalistischen Organisationen wie den Grauen Wölfen distanziert, ist sie Teil der Lösung und des Problems gleichzeitig.“

Und Güngör wünscht sich, auch die positiven Seiten und Erfolge herauszuarbeiten: „Wir leben in einer weitgehend befriedeten Gesellschaft. Da müssen wir das Kind nicht mit dem Bad ausschütten.“


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