Gespräch wegen der Kürbisse: Getünchte Glocken, gewaltige Geschosse

Wo groß gelogen wird, lernt man die Wahrheit kennen: „Gespräch wegen der Kürbisse“ im Theater praesent.

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Margot Mayrhofer und Elena-Maria Knapp in „Gespräch wegen der Kürbisse“.
© Jarosch

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Sie kennen sich. Und sie mögen sich. Vielleicht jedenfalls. Irgendwann standen sie sich nahe. Jetzt treffen sie sich zum ersten Mal seit geraumer Zeit. Und sie haben sich einiges zu erzählen. Die eine (Elena-Maria Knapp) kommt gerade aus dem Urlaub. Die andere (Margot Mayrhofer) machte Karriere – und bastelt inzwischen beruflich an einer Riesenkanone.

Autor Jakob Nolte hat seinen Bühnentext „Gespräch wegen der Kürbisse“ – er wurde 2016 bei den Berliner Autor:innentagen ausgezeichnet – als Konversationsstück bezeichnet. Und tatsächlich wird viel geredet. Passiv-aggressive Belanglosigkeiten über griechische Folklore, weiß getünchte Kürbis-Glocken zum Beispiel. Und übers Kanonenbauen. Kanonen, lernt man, seien nicht nur Waffen. Mit dem gewaltigen Geschoss kann auch Müll ins All geschossen werden. Oder die Leichen, die an griechischen Stränden stranden. Die nämlich stören die Urlaubsruhe der anderen auswärtigen Besucher. Und die Wellen, die die Toten ans Land treiben, auch. Meeresrauschen mag beruhigend sein. Aber: „Wenn etwas ununterbrochen beruhigend ist. Dann ist es nicht mehr beruhigend.“ Beunruhigend ist auch „Gespräch wegen der Kürbisse“. Das Stück macht unruhig. Weil sich kleine Lügen ins Gerede schleichen. Und sich zu ziemlich großen auswachsen. Und die allergrößten dann doch wieder so klingen, als wären sie der Wirklichkeit abgetrotzt worden. Schließlich hat alle Welt in den vergangenen Jahren gelernt: Wenn besonders groß gelogen wird, erfährt man auch besonders viel über die Wahrheit, von der abgelenkt, die überspielt werden soll.

In „Gespräch wegen der Kürbisse“ also lernt man einiges über Wohlstandsverwahrlosung und über die Anstrengungen, echte Sorge mit erfundenen Sorgen aufzuhübschen. Margot Mayrhofer und Elena-Maria Knapp machen das ganz hervorragend: Zwei derangierte Nervenbündel, manchmal ätzend schnippisch, dann stumpf, dann überdreht. Aber nie bis zur Karikatur verfremdet.

Auf dem Papier finden die abgründig-absurden „Gespräch wegen der Kürbisse“ beim Kaffeetrinken statt. Im Innsbrucker Theater praesent hat sie Regisseurin Julia Jenewein in eine ungastliche Gärtnerei verlegt. Die Pflanzen sind verkümmert. Im Treihbaus vor dem Tarnvorhang wuchert Kunststoff. In der Welt, die Ausstatterin Katharina Ganner entworfen hat, jedenfalls ist irgendwas passiert. Oder es passiert gerade. Weiß der Teufel, was. Man sollte es auf keinen Fall verpassen.

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Gespräch wegen der Kürbisse

Bis 24. Juni. Nächste Vorstellung: Do., 3. Juni., 20 Uhr.

www.theater-praesent.at


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