„Wegsehen löst Problem nicht“: Neue RollOn-Kampagne will Tabus aufbrechen

Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderungen beseitigen möchte die durchaus provokante neue RollOn-Kampagne „Bin ich dir peinlich? – Du mir nicht!“

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Stephanie Pletzenauer ist eines der Models der neuen RollOn-Austria-Kampagne.
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Von Denise Daum

Innsbruck – „Papa, wieso schaut die Frau da so komisch aus?“ Der Vater ist peinlich berührt, deutet dem Kind an, still zu sein und wegzusehen. Diese Szene erleben Menschen mit Behinderungen immer wieder. „Aber wegsehen löst das Problem nicht“, sagt Stephanie Pletzenauer. Die 29-jährige Fieberbrunnerin ist eines der Models der neuen RollOn-Kampagne „Bin ich dir peinlich? – Du mir nicht!“. Damit möchte der Verein Tabus aufbrechen und für einen ungezwungeneren Umgang mit Menschen mit Behinderung antreten.

Anstatt die Kinder zum Schweigen und Wegsehen zu bringen, sollen Eltern ihnen lieber erklären, dass es nun einmal unterschiedliche Menschen auf der Welt gibt. „Nicht alle schauen gleich aus. Der eine ist größer, der andere ist kleiner und manche sind noch einmal seltener“, sagt Pletzenauer. Wenn sie selbst so eine Situation erlebt, geht sie meist in die Offensive. „Für die Kinder ist das Thema dann schnell wieder erledigt“, sagt Pletzenauer. Sie ist der Meinung, dass behinderte Menschen offen auf andere zugehen sollen.

Diesem Zugang folgte die Magistra der Rechtswissenschaften auch während ihrer Zeit an der Uni. Die größte Herausforderung sei gewesen, dass ihre Mitstudierenden normal mit ihr umgehen. Die meisten kamen zum ersten Mal in ihrem Leben in Kontakt mit einem Menschen mit Behinderung. „Viele haben mich anfangs auch unterschätzt“, sagt Pletzenauer. Bei Gruppenarbeiten etwa gelang es ihr, Barrieren abzubauen.

Auch Günther Steiner ist als Model dabei.
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Aktiv ist Pletzenauer auch in ihrer Heimat, wo sie im Gemeinderat vertreten ist und im Bauausschuss aktiv ist. Der Bürgermeister sprach sie während eines Praktikums, das sie auf der Gemeinde absolvierte, an, ob sie sich nicht politisch engagieren wolle. Aktuell ist die junge Frau auf der Suche nach einer Konzipientenstelle. Sie möchte Anwältin werden. Das Gerichtsjahr hat sie bereits erfolgreich hinter sich gebracht.

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Die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins RollOn Austria sei bislang ja eher sanft gewesen, sagt Geschäftsführerin Marianne Hengl. Mit der neuen Kampagne habe man sich entschieden, einen etwas provokanteren Weg zu gehen. „Es gibt Leute, denen wir peinlich sind, die uns abstoßend finden. Das ist verletzend. Deshalb wollen wir es zum Thema machen und offen darüber reden, warum der Körper aussieht, wie er aussieht“, erklärt Hengl. Auch sie geht im Umgang mit anderen Menschen in die Offensive und hat keinerlei Berührungsängste. „Ich frage die Kinder auch, ob sie mich angreifen wollen“, erklärt Hengl, die auch in Schulen Aufklärungsarbeit leistet. Kinder haben generell einen ungezwungeneren Umgang mit Menschen mit Behinderung. Wenn Hengl die Schüler fragt, was denn an ihr besonders bzw. anders sei, fällt den Kleinen nicht selten als Erstes Hengls Haarfarbe Violett auf.

Auch Günther Steiner ist Teil der neuen Kampagne. „Ich weiß, dass ich anders bin, aber das habe ich mir weder ausgesucht noch macht es mich weniger wertvoll, nicht weniger mitfühlend, nicht weniger kreativ, nicht weniger lebensfroh“, sagt Steiner.


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