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Im schillernden Raum: Norbert Gstrein wird 60

Autor Norbert Gstrein wird am Donnerstag 60 Jahre alt. Vor der Frage danach flüchtet er ins Mathematische. Ein Gespräch über bedrohliche Sätze, unmoralische Helden und Literaturlandschaften knapp an der Realität.

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Nobert Gstrein präsentiert „Der zweite Jakob“ am 11. Juni in Innsbruck. Für die Lesung in der Wagner’schen wurden 50 Karten aufgelegt.
© Thomas Böhm

Ihr aktueller Roman „Der zweite Jakob“ schlägt einen weiten Bogen zurück zu ihrem Debüt „Einer“, in dem ein erster Jakob im Dorf abgeholt wird.

Norbert Gstrein: Einer der wesentlichen Ausgangspunkte für „Der zweite Jakob“ war die Lektüre des Buches „Aspergers Kinder“ von Edith Sheffer. Mich überkam plötzlich die Gewissheit, dass ich den ersten Satz von „Einer“, während ich ihn damals hingeschrieben habe, nicht in seinem ganzen Ausmaß verstanden habe: „Jetzt kommen sie und holen Jakob.“ Ein bedrohlicher Satz, der noch viel bedrohlicher wird, wenn man sich die Hintergründe dazu vorstellt, die ich beim Schreiben nicht gehabt habe – und die ich mir jetzt nach der Lektüre von „Aspergers Kinder“ wenigstens als Möglichkeit herbeiphantasiere. In dem Buch ist auch die Rede von einem so genannten „Gesundheitsprogramm“ der Nazis, die Kommandos über die Dörfer geschickt haben, um verhaltensauffällige Kinder abzuholen. Diese zusätzliche Bedeutung schwingt jetzt für mich mit, wenn ich an den Jakob von „Einer“ denke, einen Sonderling im Dorf. Sie hat mich dazu gebracht, den Namen noch einmal aufzugreifen.

Der zweite Jakob nennt sich als Schauspieler Jakob Thurner. An einer Stelle erfährt man aber, dass er eigentlich Gstrein heißt. Im ganzen Roman gibt es solche Spuren, die man als Einladung verstehen kann, den Text autobiografisch zu lesen.

Gstrein: Diese Spielerei mit meinem eigenen Namen ist im Grunde eine Anleitung zur Fehllektüre. Ich zeige Lesern, ich zeige auch Kritikern: Ich spiele da, aber seid sehr vorsichtig. Wenn ich eine so überdeutliche Fährte auslege, solltet ihr aufpassen mit voreiligen Festlegungen.


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