Komplexitätsforscher Thurner: Müssen jetzt über Covid-Herbststrategie reden

Bevor das leidige Corona-Thema jetzt in den Köpfen in die Sommerpause geht, müsse man sich noch genau überlegen, wie die Eindämmungsstrategie im Herbst aussieht, fodert Stefan Thurner. Die Herdenimmunität durch die Impfungen sei noch kein Selbstläufer.

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Aktuell gebe es keinen Grund, in irgendeine Art von Panik zu verfallen, das SARS-CoV-2-Virus „ist aber auch nicht weg“, so der Leiter des Complexity Science Hub Vienna (CSH), Stefan Thurner.
© HERBERT NEUBAUER

Wien – Die aktuell auf niedrigem Niveau befindlichen Covid-19-Infektionszahlen stimmen den Komplexitätsforscher Stefan Thurner für den Sommer durchaus optimistisch. Bevor das Thema jetzt aber in den Köpfen in die Sommerpause geht, müsse man sich noch genau überlegen, wie die Eindämmungsstrategie im Herbst aussieht. Bei einer Durchimpfungsrate von rund 50 Prozent könne es in Verbindung mit der Variante B.1.617.2 immer noch zu Problemen kommen.

Aktuell gebe es keinen Grund, in irgendeine Art von Panik zu verfallen, das SARS-CoV-2-Virus „ist aber auch nicht weg“, so der Leiter des Complexity Science Hub Vienna (CSH), der auch Teil des Covid-Prognose-Konsortiums ist. Schlafe aber über den Sommer der Fortschritt beim Impfen ein, werden wie im vergangenen Sommer wichtige strategische Entscheidungen nicht in Angriff genommen und Infrastrukturen vernachlässigt, könne man sich auf die ersehnte Herdenimmunität vielleicht auch nicht verlassen.

Herdenimmunität als große Frage im Herbst

Man könne davon ausgehen, dass die hierzulande seit längerem dominante „britische Variante“ (B.1.1.7 oder nach neuer WHO-Namensgebung „Alpha“) um etwa 50 Prozent ansteckender ist als der „Wildtyp“. Wenn man nun annimmt, dass sich die zunächst in Indien gefundene Variante B.1.617.2 – nun von der WHO neutral „Delta“ genannt – nochmals um rund 50 Prozent leichter überträgt und sich in den kommenden Monaten von Großbritannien ausgehend in Kontinentaleuropa ausbreitet, dann könnte es hierzulande im Herbst weiter zu stattlichen Ausbrüchen kommen.

„Haben wir Herdenimmunität oder nicht? Das ist die große Frage im Herbst“, so Thurner. In klassischen epidemiologischen Lehrbüchern werde eine Immunitätsrate von rund 50 Prozent mit einem gewissen Schutz vor größeren Ausbrüchen in Verbindung gebracht. Bei 70 Prozent Durchimpfung gibt es dann eigentlich gar keinen Ausbruch mehr. Bei diesen Annahmen gehe man aber immer davon aus, dass jede Person gleich viele Kontakte pflegt. 2001 wurde aber in einer Forschungsarbeit gezeigt, dass das nicht nur extrem unterschiedlich sein kann, sondern diese Unterschiede auch epidemiologisch relevant sind.

Kein Selbstläufer

In einem derart „realistischen sozialen Netzwerk“ kann man bei einer Immunitätsrate von 50 Prozent theoretisch immer noch ein Infektionsgeschehen erreichen, das 40 Prozent der Bevölkerung umfasst. „Es kann immer noch fast die Hälfte der Bevölkerung betreffen, obwohl die andere Hälfte geimpft ist. Das muss man sich vor Augen halten. Daher heißt es ‚Aufpassen‘“, so Thurner. Selbst wenn im Herbst zehn Prozent der Bevölkerung infiziert sind, ist das immer noch „sehr, sehr viel“. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies die Intensivbettkapazitäten sprengen wird, sei aber insgesamt geringer.

Nehme man jetzt eine Durchimpfungsrate in Österreich von um die 50 Prozent im Herbst her und addiere die gegenüber den Wildtyp vermutlich doppelt so ansteckende B.1.617.2-Variante, bringt das rein rechnerisch „die gleiche Situation wie im letzten Jahr in der ersten Welle“ mit sich. Trotz des „fantastischen Impfprogramms“ sei die Herdenimmunität kein Selbstläufer. Besser wäre eine Impfrate von mindestens 60 bis noch besser 80 Prozent. Erreicht man letzteren Wert, könne kaum etwas passieren.

Daher müssten Bund und Länder jetzt weiter alles dafür tun, um die Menschen zur Impfung zu motivieren. „Man müsste sagen: Freunde, wir haben dann im Herbst echt weniger Stress“, so Thurner, der das Infektionsgeschehen im Verlauf der Pandemie als „supersensibel“ gegenüber Veränderungen in den Kontaktnetzwerken etwa durch das Wetter kennengelernt hat.

„Spielregeln jetzt festlegen“

In Richtung Herbst müsste man daher schon jetzt sehr genau überlegen und transparent festlegen, was an den Kindergärten und Schulen gelten soll. Vor allem die Jüngeren werden auch zum Schulstart klarerweise nicht geimpft sein. Dort könnten noch Infektionsherde brodeln, auch wenn dann verstärkt immunisierte Eltern der Ausbreitung ein Stoppschild entgegenhalten könnten. Wenn etwa im Herbst immer noch ein größerer Teil des Pflegepersonals nicht geimpft ist, müsse man sich auch hier etwas überlegen.

Es dürfe nicht sein, „dass es die Institutionen so wie letztes Jahr total verschlafen, sich vorzubereiten“, betonte Thurner: „Man muss die Spielregeln jetzt festlegen. Es sind alle aufgerufen, nochmals darüber zu reden.“ Denn nicht zuletzt brauche es klare Regelungen für regionale Ausreisetests - und zwar ab Sieben-Tages-Inzidenzen in Bezirken von 100 oder 50: „Dann wird das nie ein Problem.“ Diese Maßnahme sei vermutlich „das wirksamste Mittel“. Die aktuelle Inzidenzgrenze von 400 ist für den Forscher deutlich zu hoch. (APA)


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