Ex-Fernsehstar Yair Lapid besiegelt Ende der Ära Netanyahu in Israel

Nur wenige hielten es tatsächlich für möglich, aber Oppositionsführer Yair Lapid verkündete am Mittwochabend die Bildung einer breiten Koalitionsregierung, die vor allem einem Zweck dient: Benjamin Netanyahu als Ministerpräsident loszuwerden.

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Am späten Mittwochabend verkündete Yair Lapid die Bildung einer Koalitionsregierung, die ein breites politisches Spektrum von links nach rechts umfasst.
© DEBBIE HILL

Von Guillaume Lavallée/AFP

Jerusalem – Nach zähen Verhandlungen bis zur letzten Minute hat Oppositionsführer Yair Lapid erreicht, was nur wenige für möglich hielten: Am späten Mittwochabend verkündete er die Bildung einer Koalitionsregierung, die ein breites politisches Spektrum von links nach rechts umfasst – und die das Ende der Ära von Benjamin Netanyahu als Ministerpräsident in Israel einläuten soll. Der 57-Jährige mit seiner liberalen Partei Yesh Atid will beweisen: Es geht auch ohne „König Bibi“.

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Yesh Atid (Es gibt eine Zukunft) wurde bei der Parlamentswahl im März mit 17 Sitzen zweite Kraft hinter Netanyahus Likud. Es war Israels vierte Abstimmung in weniger als zwei Jahren – und auch diesmal war der Wählerauftrag alles andere als eindeutig. Nachdem Netanyahu mit einer Regierungsbildung gescheitert war, ging das Mandat an den ehemaligen Fernsehmoderator Lapid.

Gemeinsamer Nenner: Netanyahu loswerden

Im Schatten des elftägigen Konflikts zwischen Israel und militanten Palästinenser-Organisationen im Gazastreifen bemühte sich Lapid, eine tragfähige Koalition ohne Netanyahu zu schmieden. Kurz vor Fristende am späten Mittwochabend verkündet er dann auf Facebook: „Ich habe es geschafft.“ Gemeinsam mit dem nationalistischen Hardliner Naftali Bennett von der rechtsreligiösen Yamina-Partei einigte sich Lapid mit einem breiten Parteienspektrum auf eine Regierungskoalition. Der größte gemeinsame Nenner der ungleichen Partner: Sie wollen den wegen Korruption angeklagten Netanyahu nach zwölf Jahren im Amt loswerden.

Um das zu erreichen, bot Lapid Bennett sogar an, in einer gemeinsamen Regierung als erster das Ministerpräsidentenamt für zwei Jahre übernehmen zu können. Lapid soll dann den zweiten Teil der Amtszeit bestreiten. Um die Schwelle von 61 Mandaten in der Knesset zu überwinden, musste Lapid den Schulterschluss mit Bennett und weiteren arabisch-israelischen sowie linken Parteien wagen.

„Ich verspreche, dass diese Regierung im Dienste aller Bürger Israels arbeiten wird, derjenigen, die für sie gestimmt haben und derjenigen, die es nicht getan haben“, betonte Bennett, der nun sieben Tage Zeit hat, ein Kabinett zu bilden.

Lapid wurde als Nachrichtenmoderator bekannt

1963 in Tel Aviv geboren, ist Lapid weiten Teilen der israelischen Bevölkerung noch als Nachrichtenmoderator des privaten zweiten Fernsehens sowie als Autor zahlreicher Thriller, Kinder- und Sachbücher bekannt. Bevor er in der Politik Karriere machte, wurde Lapid, der auch Hobby-Boxer und Kampfkunstsportler ist, zum attraktivsten Mann Israels gewählt.

Als Lapid seine Partei im Jahr 2012 gründete, wurde er von vielen belächelt: Wieder ein Fall eines Medienstars, der hoffte, seine Prominenz in politischen Erfolg ummünzen zu können, urteilten Kritiker. Doch Lapid, der mit seinem Wechsel aus dem Journalismus in die Politik in die Fußstapfen seines Vaters, dem früheren Justizminister Josef „Tommy“ Lapid, trat, belehrte sie eines Besseren: Bei der Wahl von 2013 gelang Yesh Atid ein Überraschungserfolg; mit 19 Mandaten zog die Partei in die Knesset ein, Lapid wurde kurzzeitig Finanzminister.

Mit Netanyahu liegt Lapid seit Langem über Kreuz. 2019 schloss sich Yesh Atid dem von Ex-Armeechef Benny Gantz geführten Mitte-Links-Bündnis Blau-Weiß an. Als Gantz vor gut einem Jahr nach der dritten Parlamentswahl innerhalb eines Jahres und unter dem Eindruck der Corona-Pandemie sein zentrales Wahlversprechen brach und eine Einheitsregierung mit Netanyahu einging, stieg Lapid aus dem Blau-Weiß-Bündnis aus.

Als Oppositionsführer sagte Lapid das Ende der brüchigen Koalition zwischen Netanyahu und Gantz im Dezember voraus. Lapids Standhaftigkeit, sich keiner Regierung unter Netanyahus Führung anzuschließen, ließ ihn offensichtlich in der Wählergunst steigen – während Gantz stark an Zustimmung einbüßte.


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