Das Volkstheater feiert beschwingt Einstand

Guten Mutes und mit Leckerbissen aus Dortmund bestückt Volkstheater-Intendant Kay Voges eine Art Amuse-Gueule-Spielplan.

  • Artikel
  • Diskussion
Frank Genser und Uwe Schmieder machen in Becketts „Endspiel“ Lust auf das neue Volkstheater.
© Ostermann

Von Bernadette Lietzow

Wien – Housewarming nach Umbau und Pandemie-bedingter Schließung: Zehn kurze Tage, noch bis zum 6. Juni, laden Intendant Kay Voges und das mit wenigen Ausnahmen in Wien unbekannte Ensemble ein, das in vielerlei Hinsicht runderneuerte Volkstheater zu entdecken.

Wie schon am Burgtheater, wo vor Kurzem Lucia Bihler ihre Sichtweise auf Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ vorstellte (die TT berichtete), widmete sich, ähnlich ungewöhnlich, auch Kay Voges mit „Der Theatermacher“ dem österreichischen Groß-Autor. Publikum und Feuilleton zeigten sich, wenn man den Stimmen zur Premiere vertraut, weitgehend angenehm überrascht, vor allem von der Leistung des Schauspiel-Teams.

Am Mittwoch feierte nun die zweite, aus Voges’ früherem Wirkungsort Dortmund mitgebrachte Arbeit Premiere. Auch hier nimmt ein Stück, neben vielgestaltig existenziellen Fragen, das Nachdenken über Theater in den Fokus. Samuel Becketts „Endspiel“, 1957 in London uraufgeführt, stellt, nihilistisch und absurd, die Sinnlosigkeit menschlichen Daseins wie die ausweglose Eingebundenheit in ein wie immer geartetes „Spiel“ auf die Bühne.

Das „Endspiel“ am Volkstheater lässt Regisseur Voges schon beginnen, während sich die Zuschauer auf ihre Plätze begeben. „Ich werde dich verlassen. Du kannst mich nicht verlassen. Dann werde ich dich nicht verlassen.“ In immer neuen Schleifen führen Lum (bei Beckett Clov) und Purl (bei Beckett Hamm) diesen Dialog, bevor ihr „Endspiel“ wirklich anhebt. Mit einem kleinen Guckkasten erschuf Bühnenbildner Michael Sieberock-Serafimowitsch eine enge Welt in Schwarz-Weiß. Einer Zeichnung ähnlich sind Tür, Fenster und Requisiten wie Telefon oder eine Flinte mit kreideähnlichen Strichen konturiert, die Kleidung der Darsteller ist ebenso umrandet (Kostüme: Mona Ulrich). Stimm- und tongewaltig ist dieser Kosmos, in dem Frank Genser (Clov/Lum) und Uwe Schmieder (Hamm/Purl) agieren. Ein herausragendes Sounddesign (Mario Simon), live umgesetzt von Sebastian Hartl, zeichnet mit Geräuschen die Bewegungen der Darsteller nach.

TT-Geburtstag: Jetzt eine von 76 Torten gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet automatisch.

Jeder Schritt, den Frank Genser auf seinen Plateauschuhen tut, erfährt so einen Kommentar. Bemerkenswert, wie genau diese Setzungen geraten, wie präzise sich der Schauspieler darin bewegt, wie Spiel und Text ineinanderfließen. Genser ist ganz schlaksige Marionette, deren Fäden sein Gebieter in der Hand hält. Uwe Schmieder gibt diesen blinden, gelähmten Herrscher, in Anzug und Hut ist er an seinen Stuhl gefesselt und schnappt, immer wieder an eine Klappmaulpuppe erinnernd, mit angespitzten Worten nach seinem Untergebenen. Es gibt für diese beiden grotesken Clowns nur ein Innen, das Außen existiert nicht (mehr?), ein Kreide-Null ist zu lesen, wenn Clov/Lum das Fenster öffnet.

Gebannt folgt man diesem Abend, den beiden Schauspielern, deren Hingabe an ihre Rollen beeindruckt, und verspürt schon Vorfreude auf die Eröffnung der ersten, hoffentlich ungestörten Saison in einem in neuem Licht leuchtenden Volkstheater.


Kommentieren


Schlagworte