Herbst darf nicht wieder verschlafen werden: „Spielregeln jetzt festlegen“

Experten fordern, schon jetzt alles dafür zu tun, um die Menschen zur Impfung zu motivieren. Als Vorbeugung für weitere Corona-Ausbrüche.

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Eine Durchimpfungsrate von mindestens 60 bis noch besser 80 Prozent sollte unbedingt angestrebt werden.
© Böhm

Wien, Berlin – Wie es im Herbst an den Schulen weitergeht, mit Maske oder ohne, und ob die intensive Teststrategie aufrechterhalten bleibt, will Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) im August entscheiden. Noch ist es gar nicht Sommer geworden, doch „Corona und Herbst“ haben sich seit dem Vorjahr wegen der zweiten Welle eingeprägt. Deshalb werden schon jetzt in Österreich und Deutschland Appelle laut, dass die Politik nicht wie 2020 unvorbereitet in die zweite Jahreshälfte hineinschlittern dürfe, sondern die Lehren daraus ziehen sollte.

Die aktuell auf niedrigem Niveau befindlichen Covid-19-Infektionszahlen stimmen den Komplexitätsforscher Stefan Thurner für den Sommer durchaus optimistisch. Bevor das Thema jetzt aber in den Köpfen in die Sommerpause geht, müsse man sich noch genau überlegen, wie die Eindämmungsstrategie im Herbst aussieht, betonte er gegenüber der APA. Es dürfe nicht sein, „dass es die Institutionen so wie letztes Jahr total verschlafen, sich vorzubereiten“, betonte Thurner: „Man muss die Spielregeln jetzt festlegen. Es sind alle aufgerufen, nochmals darüber zu reden.“ Denn nicht zuletzt brauche es klare Regelungen für regionale Ausreisetests – und zwar ab Sieben-Tage-Inzidenzen in Bezirken von 100 oder 50: „Dann wird das nie ein Problem.“ Diese Maßnahme sei vermutlich „das wirksamste Mittel“. Die aktuelle Inzidenzgrenze von 400 ist für den Forscher deutlich zu hoch.

Nehme man jetzt eine Durchimpfungsrates in Österreich von um die 50 Prozent im Herbst her und addiere die gegenüber den Wildtyp vermutlich doppelt so ansteckende B.1.617.2-Variante (indische), bringe das rein rechnerisch „die gleiche Situation wie im letzten Jahr in der ersten Welle“ mit sich. Trotz des „fantastischen Impfprogramms“ sei die Herdenimmunität kein Selbstläufer. Besser wäre eine Impfrate von mindestens 60 bis noch besser 80 Prozent. Erreiche man letzteren Wert, könne kaum etwas passieren.

Daher müssten Bund und Länder jetzt weiter alles dafür tun, um die Menschen zur Impfung zu motivieren. „Man müsste sagen: Freunde, wir haben dann im Herbst echt weniger Stress“, so Thurner, der das Infektionsgeschehen im Verlauf der Pandemie als „supersensibel“ gegenüber Veränderungen in den Kontaktnetzwerken etwa durch das Wetter kennen gelernt hat.

In Richtung Herbst müsste man schon jetzt sehr genau überlegen und transparent festlegen, was an den Kindergärten und Schulen gelten soll. Vor allem die Jüngeren werden auch zum Schulstart klarerweise nicht geimpft sein. Dort könnten noch Infektionsherde brodeln, auch wenn dann verstärkt immunisierte Eltern der Ausbreitung ein Stoppschild entgegenhalten könnten. Wenn etwa im Herbst immer noch ein größerer Teil des Pflegepersonals nicht geimpft ist, müsse man sich auch hier etwas überlegen.

Der deutsche Gesundheitsexperte und SPD-Politiker Karl Lauterbach warnt vor einer neuen Infektionswelle durch Reiserückkehrer oder Mutationen. Die indische Mutante wird laut Lauterbach wahrscheinlich in den kommenden Monaten zahlreiche europäische Länder infiltrieren. „Durch Reiserückkehrer wird sich die Mutante spätestens im Herbst auch in Deutschland großflächig ausbreiten.“

Das Ausmaß sei noch unklar, man müsse aber davon ausgehen, dass am Ende dieses Sommers deswegen eine neue Infektionswelle in Europa drohen könnte. Es könne durchaus auch sein, dass sich im Herbst eine neue Virus-Mutation verbreite, „die wir bisher noch nicht kennen“, sagte der SPD-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Neben Auffrischungsimpfungen könne auch die Impfung der breiten Bevölkerung mit einem modifizierten Stoff notwendig sein, der dann gegen eine mögliche neue Mutation wirke. (TT, APA, dpa)


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