Friederike Mayröcker: Die Dinge, das Leben, die Welt anschauen

Österreichs vielleicht eigenwilligste und fraglos wichtigste Gegenwartspoetin Friederike Mayröcker ist im Alter von 96 Jahren gestorben.

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Ein Leben in Schrift und Sprache: Friederike Mayröcker, Ende der 1990er-Jahre, in ihrem Arbeitszimmer.
© APA/Techt

Wien – Friederike Mayröcker ist nicht mehr. Österreichs vielleicht eigenwilligste und fraglos bedeutendste österreichische Gegenwartspoetin ist gestern, Freitag, im Alter von 96 Jahren in Wien gestorben.

Mayröcker lebte in Schrift und Sprache. Im Fall von Friederike Mayröcker ist das keine einfallslose Floskel. Es ist einfach so. In ihrer Wohnung stapelten sich die Bücher, Notizzettel, Aufzeichnungen, Skizzen: Sie lebte in diesem Meer aus Worten, Zeichen und Bedeutungen. Und fügte ihm beständig Neues hinzu.

Die groß gewachsene, fast hagere Frau mit dem tiefschwarzen Haar gehörte über Jahrzehnte dazu. Und war doch eine Solitärin. Sie war Teil der Literaturszene, des Betriebs. Und ging trotzdem einen ganz eigenen, einmaligen Weg. Ihr manchmal hermetischer, immer neugieriger Stil war keiner bestimmten literarischen Landschaft zuzuordnen. In vorantreibenden Rhythmus entwickelte Mayröcker dichte, rätselhafte Metaphern und schlug unerhörte Töne an. Ihr Misstrauen gegen bewährte Formeln und Schreib-Schablonen war groß. „Um Gottes willen nur keine Story, sondern einfach schauen. Die Dinge anschauen, die Welt anschauen, das Leben anschauen.“ So beschrieb sie ihr poetisches Programm. Mayröcker suchte und fand neue Formen, öffnete sich Hörspiel und Film, schrieb Libretti und begeisterte sich für Comics.

Im vorigen Jahr erschien ihr Buch „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“. „Ich bin noch jung in meinen Träumen, in meinen Träumen bin ich high“, heißt es darin.

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Insgesamt veröffentlichte sie mehr als 100 Bände, Lyrik und Prosa, poetologische Essays. Ihr Werk entstand als fortlaufende dichterische Sammlung von Gedanken, als eine Folge bewegter und bewegender Bilder. 2001 wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. 2016 bekam sie für „fleurs“ den zum ersten Mal vergebenen Österreichischen Buchpreis.

📽️ Video | Autorin Friederike Mayröcker ist tot

Friederike Mayröcker, geboren am 20. Dezember 1924 in Wien, schrieb schon als Heranwachsende. 1946 wurden erste Lyrik-Arbeiten in der Zeitschrift Plan veröffentlicht. Zunächst finanzierte sie sich ihr Überleben als Englischlehrerin. 1954 lernte sie Ernst Jandl (1925–2000) kennen, mit dem sie bis zu dessen Tod eine intensive Lebens- und Arbeitsbeziehung verband. Anregende Kontakte zu Mitgliedern der Wiener Gruppe um H. C. Artmann beeinflussten den Stil der ersten gemeinsamen Arbeiten und regten Mayröcker an, sich experimentellen Techniken wie Collage, Montage, Assoziations- und Traum- arbeit zuzuwenden.

Als Höhepunkte ihrer vielfältigen dichterischen Tätigkeit gelten der Prosaband „Das Herzzerreißende der Dinge“ (1985), der Gedichtband „Das besessene Alter“ (1993), ihr später Roman „brütt oder Die seufzenden Gärten“ sowie die ständig anwachsende Sammlung „Magische Blätter“.

Wie Wiens Bürgermeister Michael Ludwig gestern ankündigte, soll Friederike Mayröcker in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt werden. (jole, APA, dpa)


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