Perspektivenwechsel gesucht: Ziele für Zukunft Tirols

Die Pandemie hat nicht nur Tirol in vielfältiger Weise und auf unterschiedlichsten Ebenen Grenzen aufgezeigt. Doch auch abseits der Krise braucht das Land neue Impulse für die Zukunft.

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Ist all das, wofür das Tirol-Logo steht, auch fit, um in Zukunft erfolgreich zu sein? Nach Antworten wird gesucht.
© iStock, Böhm

Innsbruck – Neue Wege finden und einschlagen? Und wenn ja, wie? Das sind die Kernfragen der heute vom Land zu startenden „Perspektivenwoche“. Herausforderungen gibt es zur Genüge. Das ist eine Lektion, deren Inhalt zwar schon vor Corona bekannt war, uns die Pandemie aber schmerzhaft zu befolgen in Erinnerung gerufen hat.

Gesundheit, Tourismus, regionale Entwicklung, nachhaltiges Wirtschaften – das sind die zentralen Themenfelder, welche in dieser Woche besprochen werden sollen. Die ersten beiden liegen – Pandemie-geschuldet – auf der Hand. Andere – auch. Und doch werden sie in den kommenden Tagen nicht als Hauptthemen in den Fokus gestellt. Bestenfalls als Querschnittsmaterie mitbehandelt.

Landhausintern ist teils auch Kritik an der Themenauswahl der „Perspektivenwoche“ zu hören. Das Wohnen etwa fehle. Immerhin neben dem Transit der zweite Arbeitsschwerpunkt in der laufenden zweiten Amtszeit von Schwarz-Grün. LH Günther Platter (VP) lässt diese Kritik nicht gelten. Stand das leistbare Wohnen doch gerade erst im Rahmen einer letztwöchigen Regierungsklausur im Fokus.

Perspektivenwoche

Die Initiative für die Tiroler „Perspektivenwoche“ vom 7. bis 11. Juni 2021 geht von der Lebensraum Tirol Holding des Landes aus. „Wie wollen wir in zehn Jahren leben?“ Um diese Kernfrage kreist die Veranstaltung. Unterschiedlichste Themenbereiche von Tourismus über Gesundheit, regionale Entwicklung bis hin zu Nachhaltigkeit und Klima sollen durch einen breiten Diskurs mit Politikern, Praktikern und Experten aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und mögliche Zukunftsszenarien erarbeitet werden.

Bereits im Vorfeld wurde zudem über die Uni Innsbruck eine repräsentative Umfrage zur Lebensqualität in Tirol abgehalten. Die Bevölkerung war hier auch aufgerufen, ihre thematischen Zukunftsschwerpunkte zu skizzieren, die TT berichtete.

Ergänzt wird die Perspektivenwoche u. a. durch das Kulinarikformat „Alpinisst“.

>> Alle Infos gibt es auch im TT-Blog

Doch auch andere Themen werden vermisst. Die Bildung und die Jugend sind eines davon. Viele der durch das Home-Schooling aufgeworfenen Fragen zur Zukunft des Lernens (in und außerhalb des Schulbetriebs) sind noch unbeantwortet. Eine Nachfolgeveranstaltung könnte dies nachholen, wird die Kritik gekontert.

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Die TT hat deshalb vier Themenbereiche geclustert, in denen die Suche nach neuen Perspektiven oder einem -wechsel angesagt oder notwendig sein könnte. (mami)

Wirtschaft und Tourismus

Dass in Tirol eine komplette Wintersaison ausfällt – das galt bis vor Corona als denkunmöglich. Das Virus und mit ihm Lockdowns und darüber hinausgehende Reise-Beschränkungen belehrten Politiker wie Praktiker eines Schlechteren. Das Nächtigungsminus in diesem Winter betrug 97 Prozent – lediglich knapp 695.000 Nächtigungen wurden gezählt.

Die Wirtschaft fordert bereits zehn Millionen Euro jährlich, um dem Tourismus zu einem Comeback zu verhelfen und verstärkt auf Nachhaltigkeit, Regionalität und Stärkung der Familienbetriebe zu setzen.

Weg vom Ballermann- und Après-Ski-Tourismus hin zu mehr Nachhaltigkeit und Qualität. Ist das der neue „Tiroler Weg“? Braucht Tirol nach „Ischgl-Gate“ einen Imagewandel im Tourismus und wenn ja, wie kann dieser aussehen? Und: Wie kann die Tourismusgesinnung der Bevölkerung vor allem in den Ballungsräumen wieder gehoben werden? Bis zum Sommer soll eine neue Tourismusstrategie vorgelegt werden.

Was die Tiroler Wirtschaft im Allgemeinen betrifft, so hat die Krise zu einem Wertschöpfungsverlust von bis zu 10 Milliarden Euro geführt, rechnete unlängst die Wirtschaftskammer vor. Die Arbeitslosigkeit ist weiter auf sehr hohem Niveau, an Fachkräften mangelt es an allen Ecken und Enden.

Verkehr und Wohnen

Wohin geht die Reise? Das trifft in Tirol gleichermaßen auf die Problemfelder (Transit-)Verkehr wie auch Wohnen zu. Was beide bis dato eint: Die schwarz-grüne Landesregierung schraubt zwar in regelmäßigen Abständen an diversen Stellschrauben (Bsp: Fahrverbote, Wohn-Pakete), doch nehmen weder der Schwerverkehr noch die Immobilien- und Wohnpreise signifikant ab.

Der Brennerbasistunnel weist eine massive Bauverzögerung bis 2032, wenn nicht gar 2034 auf, der Nordzulauf auf bayerischer Seite ist noch nicht in trockenen Tüchern, dazu kommt eine EU-Wegekostenrichtlinie, welche in der vorliegenden – vom EU-Rat weichgespülten – Form die Straße weiterhin gegenüber der Schiene konkurrenzlos billig macht. Das ist die Ist-Situation zum Schwerverkehr in Tirol. Dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen jüngst Tirol in seiner Verbotspolitik den Rücken stärkte, ist zwar ein Lichtblick, von dem Ziel, die Transitfahrten über den Brenner auf eine Million/Jahr zu limitieren, ist Tirol aber noch weit entfernt.

Ebenso wie vom leistbaren Wohnen. Erst am Mittwoch hat die Landesregierung neue Maßnahmen, wie eine Leerstandsabgabe, beschlossen. Wie jedoch langfristig die Preise gedrückt werden können, ist nach wie vor offen.

Gesundheit

Was lehrt uns die Pandemie in Sachen Gesundheitssystem? Vielleicht auch das, dass der über viele Jahre getätigte Spardruck nicht immer den Zweck erfüllt. Wie schnell das System an den Rand seiner Kapazitätsgrenzen kommen kann, haben die Corona-Wellen aufgezeigt. Insbesondere mit Blick auf die intensivmedizinische Betreuung. Tirol war hier zwar gut aufgestellt, jedoch gilt es nun, die erst 2019 beschlossenen Bettenpläne neu zu überdenken und nachzujustieren. Die neue Gesundheitslandesrätin Annette Leja (VP) hat dies bereits angekündigt. Dafür wird es auch mehr Geld vom Land brauchen. Dass dies gewollt ist, zeigt auch, dass allein an der Klinik Innsbruck bis 2035 an die 833 Millionen Euro investiert werden sollen.

Eine offene Baustelle ist der Bereich der Kassenarztstellen. Immer öfter können diese nicht besetzt werden. Die seit Jahren von politischer Seite versprochene Etablierung von dezentralen Primärversorgerzentren harrt noch immer ihrer Umsetzung.

Rascher Handlungsbedarf ist ebenso im Pflegebereich vonnöten. Zwar wurde kürzlich ein neues einheitliches Tarifsystem über die Heimlandschaft gestülpt – ungelöst ist weiterhin der akute Pflegepersonalmangel. Hier braucht es neue Ausbildungs-Ideen.

Umwelt und Natur

Wie Tirol auf den Klimawandel reagieren will – das will man hierzulande bereits wissen. Zumindest in Teilbereichen. Die „Tiroler Energieautonomie“ ist für 2050 geplant. Ein hehres Ziel, bedenkt man, dass hierfür u. a. das gesamte Potenzial an Wasserkraft sowie an möglichen Solarflächen in Tirol ausgenützt gehörte. Sprengkraft für noch genügend Reibeflächen zwischen ÖVP und Grünen. Ungeachtet dessen hat sich die Landesregierung dieser Tage auf eine gemeinsame „Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie“ geeinigt. Eine, die freilich aktuell mehr aus Wunschvorstellungen denn aus konkreten Umsetzungszielen zusammengesetzt ist.

Besonders happig wird es, kommt die Rede auf den Naturschutz. Und hier auf die Begehrlichkeiten der Tourismusindustrie. Gletscherschutz, Skigebiets- und Seilbahnprogramm, Natura-2000-Gebiete – all das geht in der Regel hierzulande nicht ohne gröbere innerkoalitionäre Verwerfungen bzw. ein veritables Ringen zwischen Umweltanwaltschaft und Wirtschaft vonstatten. Kontroverse Projekte, wie beispielsweise die Gletscherverbindung Pitztal/Ötztal, liegen nur (vorerst) auf Eis. Eine klare, nachvollziehbare und vor allem verbindliche Strategie politischen Handelns fehlt bis dato.


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