Taliban wollen Helfer ausländischer Truppen in Afghanistan behalten

Die radikalislamischen Taliban wollen nach dem Abzug der ausländischen Streitkräfte deren einheimische Helfer nicht aus dem Land werfen. Es sei Reue geboten, aber das Land verlassen müsse man nicht, so die Taliban.

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In Afghanistan setzten sich die Taliban immer mehr durch.
© WAKIL KOHSAR

Kabul – In Afghanistan haben die militant-islamistischen Taliban die Zehntausenden einheimischen Hilfskräfte bei den internationalen Truppen aufgerufen, im Land zu bleiben. Wer als Übersetzer, Wachmann oder anderweitig für ausländische Streitkräfte tätig gewesen sei, solle für seine Handlungen Reue zeigen und sich in Zukunft nicht mehr an solchen Aktivitäten beteiligen, die einem Verrat am Islam gleichkämen, so eine Mitteilung. "Aber keiner soll das Land derzeit verlassen."

Seit etwas mehr als einem Monat läuft der offizielle Abzug der internationalen Truppen, die teils bereits seit 2001 in Afghanistan sind. Die Taliban haben in dem Land mit geschätzt etwa 37 Millionen Einwohnern seither wieder mehrere Bezirke für sich eingenommen. Zehntausende Afghanen waren für die Streitkräfte der NATO-Länder tätig. Bisher hatten die Taliban Ortskräfte immer wieder beschimpft und bedroht. Aus Angst vor Racheakten der Taliban wollen viele von ihnen nun samt Familien das Land verlassen. Der Abzug soll bis spätestens Mitte September abgeschlossen sein.

Helfer für Bundeswehr wollen nach Deutschland

Allein die US-Botschaft bearbeitet nach eigenen Angaben aktuell rund 18.000 Anträge für spezielle Ausreisevisa. Auch die Mehrheit der für die deutsche Bundeswehr tätigen Einheimischen will nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur über das sogenannte Ortskräfteverfahren Schutz in Deutschland suchen. Mitte Mai waren dies rund 450 Ortskräfte.

Die Taliban versprachen in der am Montag veröffentlichten Mitteilung, die Ortskräfte nicht zu "stören". Sie sollten zum normalen Leben zurückkehren und, wenn sie über Fachwissen verfügten, ihrem Land dienen. Wenn sie den Feind verließen und als gewöhnliche Afghanen im Land lebten, werde es keine Probleme geben. Fraglich ist, wie zuverlässig solche Aussagen sind. Bisher wurden Ortskräfte von den Taliban als "Sklaven der Invasoren" oder "Söldner" bezeichnet. Auf Twitter schrieben Nutzer, die Positionen der Taliban unterstützen, man könne den Helfern niemals vergeben.

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Ein Sprecher der deutschen "Initiative zur Unterstützung der Aufnahme afghanischer Ortskräfte" äußerte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Taliban-Aussagen. Angesichts jahrelanger systematischer Bedrohung bis hin zu Morden überzeuge ihn die Erklärung nicht, sagte der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig. Man könne nicht von einem wirklichen Sinneswandel der Taliban ausgehen. In den Medien würden immer wieder einzelne Kommandeure zitiert, die von "Rache" nach einem "Sieg" sprächen. Die Erklärung habe zudem einen bedrohlichen Unterton: Reue werde als eine Art Bewährungsklausel genannt. Zuletzt hatten mehrere NATO-Länder angekündigt, bedrohte Ortskräfte rascher und einfacher aufzunehmen und auch Personal aufgestockt, um die Anträge zu bearbeiten.

Taliban erobern weitere Bezirke

Die militärischen Fortschritte der Taliban gingen unterdessen weiter. Die Islamisten eroberten zwei weitere Bezirke, wie lokale Behördenvertreter am Montag bestätigten. Damit sind seit Beginn des offiziellen Abzugs der internationalen Truppen am 1. Mai insgesamt neun Bezirke an die Islamisten gefallen. Afghanistan ist in rund 400 Bezirke in 34 Provinzen gegliedert.

Provinzräten zufolge zogen sich die Sicherheitskräfte der Regierung am späten Sonntagnachmittag nach mehrtägigen Kämpfen aus dem Bezirkszentrum von Qaisar in der Provinz Faryab im Norden des Landes zurück. Sie seien von dort aus auf einen Hügel im Dorf Kohi geflohen. Rund einhundert Kräfte seien entweder getötet, verwundet oder gefangen genommen worden. Rund 20 Sicherheitskräfte würden nun noch auf dem Hügel Widerstand leisten. Spezialkräfte aus der Provinzhauptstadt Meymaneh seien angefordert worden, aber nicht angekommen.

Zivile Opfer sollen vermieden werden

In der Provinz Ghor im Westen des Landes haben die Sicherheitskräfte zudem das Bezirkszentrum von Shahrak verlassen. Der Gouverneur der Provinz sagte in einem am Montag von lokalen TV-Sendern veröffentlichten Video, die Regierungskräfte hätten sich am Sonntagabend taktisch zurückgezogen, um zivile Opfer durch die Kämpfe zu vermeiden. Bei Gefechten mit den Taliban am Sonntag seien mindestens sieben Sicherheitskräfte getötet worden.

Einem UNO-Bericht zufolge konnten die Taliban im gesamten Vorjahr fünf Bezirkszentren erobern, vier davon wurden binnen weniger Tage von der Regierung zurückerobert. Es ist unklar, wie sehr die internationalen Truppen aktuell die Sicherheitskräfte der Regierung in Kabul noch unterstützen. Der Abzug soll bis spätestens 11. September abgeschlossen sein. (APA, dpa)


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