Milenka Michiko Flašar: Leise Lächler für schwere Stunden

Milena Michiko Flašar erzählt in „Herr Katō spielt Familie“, dem „Innsbruck liest“-Buch 2021, zart von großen Gegenwartsthemen.

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Milena Michiko Flašar.
© Wimmer

Innsbruck – Wenn der Broterwerb jahrzehntelang den Alltag taktet, Sinn stiftet und Ordnung schafft, dann kann der Pensionsantritt zum ersten Schritt ins Nichts werden. Das weiß der Protagonist von Milena Michiko Flašars 2018 erschienenem Roman „Herr Katō spielt Familie“. Er kennt die Situation von früheren Kollegen, die inzwischen von abenteuerlichen Motorradtouren schwadronieren, die es wohl nie gab. Weil der Protagonist inzwischen selbst im Ruhestand ist – und eigentlich nichts mehr zu tun und niemanden zum Reden hat, erzählt er auf seinen ziellosen Streifzügen einem Taxifahrer davon. Und von seinem Traum, einmal nach Paris zu reisen. Paris wird für den namenlosen Helden, der sich erst später Herr Katō nennt, Traum bleiben.

Ein Abenteuer wird er trotzdem erleben. Das seinen Ausgang ausgerechnet auf einem Friedhof nimmt. Dort wird er von einer Frau angesprochen – und nimmt ihr Angebot, für sie zu arbeiten an. Sie führt eine Agentur, die fiktive Familienmitglieder vermietet: Großväter auf Zeit, schweigsame Zuhörer für beredte Witwen, leise Lächler für schwere Stunden. In Japan, wo Flašar, 1980 als Tochter einer Japanerin und eines Österreichers in St. Pölten geboren, ihren vor drei Jahren für den Österreichischen Buchpreis nominierten Roman spielen lässt, gibt es solche „Stand-in“-Anbieter tatsächlich. Flašar nimmt diesen Umstand zum Ausgangspunkt um in knappen, sprachlich fein gearbeiteten Episoden von großen Gegenwartsthemen zu erzählen: Einsamkeit im Alter, zerrüttete Familien, das Verschweigen großer und kleiner Sorgen und wild-wütende Realitätskosmetik.

Eine Fachjury, bestehend aus dem Germanisten Thomas Wegmann, Verleger Bernd Schuchter, der Buchhändlerin Anna Wieland und Renate Giacomuzzi vom Innsbrucker Zeitungsarchiv, hat „Herr Katō spielt Familie“ als „Innsbruck liest“-Buch 2021 ausgewählt. 10.000 Exemplare werden in den nächsten Tagen kostenlos verteilt. Mehrere Lesungen mit Milena Michiko Flašar stehen auf dem Programm. Zweifelsfrei: Eine gute Wahl. Auch weil sich der kurzweilige, anrührend-zarte, aber nie kitschige Roman auch als unaufdringlicher Anstoß für Diskussionen anbietet, die auch in vorpandemischen Zeiten zu selten geführt wurden. (jole)

Innsbruck liest 2021 – Das Programm

Lesungen und Diskussion. Milena Michiko Flašar liest morgen, Donnerstag, in der Stadtbibliothek Innsbruck. Beginn: 19 Uhr. Am Freitag, 11.6., ist eine Kurzlesung der Autorin im Lesecafé der Stadtbibliothek angekündigt (18 Uhr). Am Samstag lesen und diskutieren Flašar und David Bröderbauer („Waldtauchen“) im Alpenzoo. Beginn: 19 Uhr.

Im Kino. Am Dienstag, 15.6., wird der Film „Kirschblüten Hanami“ im Leokino gezeigt. Beginn: 19 Uhr. Karten sind in der Stadtbibliothek erhältlich.

Signierstunden. Freitag, 11.6., 14–15 Uhr im Audiversum; Samstag, 12.6., 12–13 Uhr im Einkaufszentrum Sillpark.

Verteilstellen. 10.000 Exemplare von Milena Michiko Flašars Roman „Herr Katō spielt Familie“ wurden für „Innsbruck liest“ aufgelegt. Sie sind am Freitag, 11.6. an verschiedenen Orten in Innsbruck erhältlich, darunter im Foyer der Tiroler Tageszeitung, im Audiversum, sowie in der Stadt-, der Uni- und der AK-Bibliothek und in allen Innsbrucker Buchhandlungen. Weitere Infos: stadtbibliothek.innsbruck.gv.at

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