Betten-Grenze und Exzess-Stopp: Neuer „Tiroler Weg“ für den Tourismus

Die neue Tourismusstrategie „Tiroler Weg“ fixiert Wachstumsgrenzen ebenso wie eine stärkere Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und Umwelt. Neue Hotels mit über 300 Betten werden nicht erlaubt.

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Neue Tourismus-Ziele (v. l.): Hubert Siller (MCI), WK-Vizepräsidentin Martina Entner, Tourismus-Obmann Mario Gerber, LH Günther Platter und Tirol-Werber Florian Phleps.
© Lebensraum Tirol/Oss

Von Alois Vahrner

Innsbruck – Tirols Tourismus erwirtschafte direkt und indirekt jeden dritten Euro im Land und sichere jeden vierten Arbeitsplatz, sagt LH Günther Platter. Tirol wolle nach der Corona-Krise auch im hart getroffenen Tourismus neu durchstarten. Die Anziehungskraft Tirols sei ungebrochen, daher müsse man „den Tourismus in Tirol nicht neu erfinden, aber an einigen entscheidenden Stellen neu denken“.

Als führendes Tourismusland der Alpen hat Tirol laut Platter Signalwirkung. „Mit dem neuen Tiroler Weg wollen wir ein neues Kapitel aufschlagen und als weltweit beste Verbindung aus Natur, Bewegung und Bergerlebnis vorangehen.“ Ein Perspektivenwechsel sei, dass man künftig nicht mehr allein auf Nächtigungszahlen und Wertschöpfung schauen werde, sondern einen neuen Tourismus-Index auch mit sozialen Faktoren wie Mitarbeiterzufriedenheit oder Wiederbesuchs-Absichten der Gäste und ökologische Messgrößen wie der Anteil regenerativer Energien oder die realisierte CO2-Reduktion starten werde.

Tirol müsse weiterhin ein „herzlicher Gastgeber und ein weltoffenes Land“ bleiben, deshalb gelte es, die kleinteilige Struktur der Familienbetriebe zu erhalten. Deshalb werde man auch Wachstumsgrenzen einziehen. „Wir wollen ein Besser statt ein Mehr, Qualität statt Quantität“, so Platter. So sei insgesamt die momentane Zahl von 330.000 Urlauber-Betten eine absolute Obergrenze, die Tendenz solle etwas nach unten gehen. Platter kann sich auch in einem regionalen Ausgleich eine Art „Betten-Börse“ vorstellen. Für neue Hotels ab 150 Betten solle es im Raumordnungsgesetz weiter Sonderflächen-Widmung geben müssen. Neue Hotels mit über 300 Betten werde man keinesfalls zulassen. „Wenn ich von Grenzen rede, dann gilt das ganz besonders für undurchsichtige Investorenmodelle, touristische Großbetriebe oder Chaletdörfer.“ Schlupflöchern für diverse Spekulations-Projekte, die Preise nach oben treiben und „kalte Betten“ erzeugen, werde man einen Riegel vorschieben, kündigt der Landeshauptmann an. Das seien „Irrwege“, die nichts mit dem „Tiroler Weg“ zu tun hätten.

Selbiges gelte auch für Exzesse des Party-Tourismus, wo etwa Bustouristen allein zum Feiern anreisen und da sogar den Alkohol selbst mitbringen. „Hier entsteht keine Wertschöpfung vor Ort, sondern nur ein Imageschaden.“ Solche Auswüchse werde man abstellen.

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Tirol als Vorbild bei der Nachhaltigkeit

Tirol will laut Platter Vorbild bei der Nachhaltigkeit werden. Konkret sollen in allen Tiroler Regionen ab 2022 institutionalisierte Nachhaltigkeitsstandards und das neu geschaffene „Österreichische Umweltzeichen“ für Destinationen eingeführt werden. Im Bereich der Mobilität soll die Anreise der Gäste von derzeit 10 Prozent öffentliche Anreise auf 20 Prozent bis 2035 gesteigert werden. Bei der Vor-Ort-Mobilität wird bis 2035 eine 100-prozentige Nutzung regenerativer Antriebsformen angestrebt. Zudem will Tirol bis 2035 nur noch „klimaneutrale“ Skigebiete. Hier geht es laut MCI-Tourismus-Chef Hubert Siller nicht um „Ablass-Handel“, indem CO2-Zertfikate für Projekte im Ausland gekauft werden, sondern um Änderungen auch vor Ort.

Der Tourismus müsse auch noch verstärkt auf regionale Kreisläufe setzen – sowohl beim Einkauf als auch bei der Kennzeichnung der Herkunft von Lebensmittel. Eine solche werde in der Gastronomie ab sofort empfohlen.

Deutlich verstärkt werden solle der Dialog mit der Bevölkerung, sagt Platter. „Der Tourismus muss die Bevölkerung wieder mit ins Boot holen. Wir brauchen ein wertschätzendes Miteinander von Einheimischen und Gästen, von Bevölkerung und Tourismus, aber auch von Unternehmerinnen und Unternehmern mit den Beschäftigten.“

Der „neue Tiroler Weg“ sei mit vielen Experten erarbeitet und kein geduldiger Papiertiger, sondern ein laufender Prozess, so Siller. Es gebe ein klares Bekenntnis zu familiengeführten Strukturen, sagt Wirtschaftskammer-Vizepräsidentin Martina Entner. In den nächsten Jahren müsse in rund 2600 Tourismusbetrieben Tirols die Übergabe erfolgen. Hier werde das Land auch finanziell unterstützen.

Tirols-Tourismusobmann Mario Gerber sieht auch einen Generationswechsel im Tourismus. Als Vorsitzender des Tyrol Tourism Board wolle er zusammen mit neuen Touristikerinnen und Touristikern mithelfen, Tirols Leitbranche nachhaltig auf Erfolgskurs zu halten.

Nummer 1 in Österreich, zwischen Erfolg und Kritik

Tirols Tourismus segelte vor Corona auf Erfolgskurs: Mit bis zu 45 Mio. Nächtigungen liegt Tirol mit weitem Abstand vor den anderen Bundesländern, fast ein Drittel aller Österreich-Urlauber entscheidet sich alljährlich für Tirol. Es geht um Milliarden an Umsätzen und Zehntausende Arbeitsplätze. Viele weitere Branchen (vom Handwerk über den Handel bis zum Bau) hängen am Erfolg des Tourismus.

Die „Nebenwirkungen“ des Tourismus wie Umwelt-Eingriffe, höhere Preise in vielen Bereichen bis hin zum Wohnen, aber auch erhöhtes Verkehrsaufkommen führten allerdings zu viel Kritik.

Der gestern vorgestellte neue „Tiroler Weg“ führt zu Kritik der NEOS. LH Günther Platter sei den angekündigten großen Wurf zur Neuausrichtung des Tiroler Tourismus schuldig geblieben, meint NEOS-Klubchef Dominik Oberhofer. Ein Bettenstopp, der keiner sei, viel zu schwache Ergänzungen in der Raumordnung und wenig ambitionierte Ziele in der Verkehrspolitik seien enttäuschend. „Kein anderes Bundesland gibt so viel Steuer­geld für Förderungen von Hotelbetten und Seilbahnen aus wie Tirol.“

Es zeige sich, dass grün­e Ideen die Antworten auf Fragen der Zukunft sind, so Grünen-Tourismussprecher Geor­g Kaltschmid. Die Themen Klimaschutz und Regionalität seien unverzichtbar, wenn die gesamte Tiroler Bevölkerung hinter dem Tourismus stehen solle.

Mehr als 11 Millionen Urlauber sorgten vor Corona für 45 Millionen Nächtigungen in Tirol.
© Böhm Thomas

„Covid brachte Zäsur“, Nachfrage immer besser

Die Corona-Krise mit ihren Reisebeschränkungen und Lockdowns (Tirols Tourismus war inklusive einer ganzen Wintersaison seit März 2020 insgesamt neun Monate „zugesperrt“) habe eine Zäsur für die Branche gebracht. In Tirol, wo man mit der Causa Ischgl und heuer der Mutation im Bezirk Schwaz auch international in ein Kritik-Gewitter geraten ist, habe man die Zeit „zum Innehalten, zum Nachdenken und zur Standortbestimmung“ aber positiv genutzt, sagte Tirol-Werbung-Geschäftsführer Florian Phleps im TT-Studiogespräch.

TT-Studiogespräch im Congress Innsbruck: Tirol-Werbung-Chef Florian Phleps und TT-Chefredakteur Alois Vahrner.
© Rita Falk

Werte wie Natur, Freiheit und Sicherheit hätten in den letzten Monaten noch mehr an Bedeutung gewonnen. Darauf habe man mit der neuen Tourismusstrategie, die seit 1972 ja schon mehrfach adaptiert worden sei, auch geantwortet. „Das Signal lautet: Wert statt Menge.“ Nachhaltigkeit und Resilienz würden wichtiger denn je und würden künftig neben wirtschaftlichen Zahlen Gradmesser für den Erfolg.

Die Anziehungskraft Tirols sei abseits aller Diskussionen ungebrochen – und auch das Image bei den Gästen weiterhin gut, wie aktuelle Umfragen zeigten, betont Phleps. Die Nachfrage in Deutschland nach Tirol-Urlauben sei ebenso gestiegen wie jene von Österreichern. Knapp die Hälfte der Tiroler Unterkunftsbetriebe seien derzeit mit der Buchungslage für die Monate Juli, August und September zufrieden bzw. sehr zufrieden. „Wir haben jetzt auch dank des Impf-Fortschritts wirklich Grund, wieder optimistisch zu sein.“

Für Phleps liegt es nun an den Touristikerinnen und Touristikern mit der Einhaltung aller Covid-Regeln ebenso wie an den Gästen und Einheimischen, dass es zu keinem neuen Rückschlag oder gar Ausfall eines Winters kommt.

📽️ Video | TT-Studiogespräch mit Florian Phleps:


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