Dunkelziffer und Datenmangel bei Volkskrankheit Diabetes

In Zusammenarbeit mit 90 niedergelassenen Ärzten in allen Bundesländern wird nun eine Studie durchgeführt. Untersucht wird sowohl die Diabetes- und Prädiabetesdunkelziffer als auch der Versorgungsstandard von Menschen mit Typ-2-Diabetes.

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Rund fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben Prädiabetes und tragen somit ein sehr hohes Risiko in sich, innerhalb der kommenden Jahre Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln.
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Wien – Mediziner kritisieren den Datenmangel bei Diabetes und wollen der Dunkelziffer mit Eigeninitiative entgegenwirken. "Wir gehen davon aus, dass wir 700.000 Menschen in Österreich haben, die Typ-2-Diabetes haben, aber wir wissen es nicht", sagte Harald Sourij von der Diabetes Gesellschaft (ÖDG) am Donnerstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Ärztekammer (ÖÄK). In Zusammenarbeit mit 90 niedergelassenen Ärzten in allen Bundesländern wird nun eine Studie durchgeführt.

Untersucht wird sowohl die Diabetes- und Prädiabetesdunkelziffer als auch der Versorgungsstandard von Menschen mit Typ-2-Diabetes. Das langfristige Ziel ist die Schaffung einer Datenbasis für eine bessere Ressourcenplanung für die Versorgung der Betroffenen. Rund fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben Prädiabetes und tragen somit ein sehr hohes Risiko in sich, innerhalb der kommenden Jahre Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln. Dieser Prozentsatz aus internationalen Studien sei auch in Österreich "zu befürchten", betonte ÖDG-Präsidentin Susanne Kaser.

Ein einfacher Labortest

"Dafür wäre die Aufnahme des HbA1c-Werts in die Vorsorgeuntersuchung ein wichtiges und einfach umzusetzendes Screening-Tool. Denn wir wissen, dass bei einer guten therapeutischen Begleitung des Prädiabetes die Entstehung eines manifesten Diabetes verzögert beziehungsweise verhindert werden kann", erläuterte Kaser. Notwendig sei ein einfacher Labortest, der auch nicht viel koste, erläuterte ÖÄK-Präsident Thomas Szekeres. "Es ist unverständlich, warum das von der Sozialversicherung nicht unterstützt wird und wir kein Screening anbieten können."

"Viele Patienten erfahren von ihrem Diabetes, wenn sie in die Notaufnahme kommen", betonte Kaser. Es wäre gut, den HbA1c-Wert mit einer Blutabnahme ab einem Alter von 40 Jahren zu bestimmen, forderte die Stv. Direktorin der Universitätsklinik für Innere Medizin I der MedUni Innsbruck ist. Auch Szekeres empfahl dieses Alter und appellierte grundsätzlich an die Bevölkerung, "einmal im Jahr das Recht auf eine Gesundenuntersuchung zu nutzen". Eine frühe Intervention sei für eine gute Behandlung wichtig. Zudem würden auch "immer mehr Junge aufgrund von Übergewicht" die Diagnose Diabetes erhalten, beschrieb Szekeres die Risikofaktoren "wenig Bewegung, Übergewicht, ungesundes Essen".

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Risikofaktor für viele Erkrankungen

Diabetes selbst ist dann laut Szekeres ein Risikofaktor für viele Erkrankungen, etwa der Nerven oder des Herz-Kreislaufs, aber auch für eine schwere Erkrankung bei einer Covid-Infektion. Zu letzterem wurde im Vorjahr ein Covid-Diabetes-Register gestartet, dieses habe im ersten Datensatz eine "sehr hohe" Sterblichkeit von Diabetikern mit Covid-19 gezeigt, berichtete Sourij, Stv. Leiter der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie an der MedUni Graz. Beim Typ-2-Diabetes waren es rund 25 Prozent Mortalität, das Projekt laufe jedoch noch weiter und "es sieht so aus, als ob wir uns jetzt bei 18 bis 20 Prozent einpendeln". Besondere Risikofaktoren sind demnach u.a. fortgeschrittenes Alter und eingeschränkte Nierenfunktion.

Über die je zehn niedergelassenen Ärzte in jedem Bundesland sollen nun insgesamt 2500 Patient in der in den ersten Bundesländern demnächst startenden Studie zu Dunkelziffer und Versorgungsstand erfasst werden. Die Laufzeit beträgt rund ein halbes Jahr, etwa im zweiten Quartal 2022 sei mit Ergebnissen zu rechnen, sagte Sourij, der mit Kaser die Studie leitet. Die "Zuckerkrankheit ist eine Volkskrankheit", hielt Szekeres fest. Geschätzt 700.000 Betroffene, das sei fast jeder zehnte Österreicher und daher eine "Krankheit, die man nicht ignorieren kann", betonte der Ärztekammer-Präsident. (APA)


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