„Jena Paradies“: Entmenschlichte Rhetorik, menschliche Zweifel

Im Rahmen des Tiroler Dramatiker*innenfestival ist das „Jena Paradies“, die Story einer Aussteigerin, in der Talstation zu sehen.

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Das knapp einstündige Stück bestreitet Schauspielerin Alica Sysoeva als junge Aussteigerin komplett alleine auf der Bühne.
© Omurkul Borubaev

Innsbruck – Endlich ist sie angekommen. Hier wird sie verstanden und kann sich einbringen – eben nicht mehr nur rechtsrocken, sondern auch selbst krude Parolen schwingen und irgendwann vor Publikum gegen die „Sozialschmarotzer“ protestieren. Für die „Generation Deutschland“, die gut und gerne auch Alternative für Deutschland (AfD) heißen könnte, hat sich die junge Magda (Instagramname: magda_steht_auf) starkgemacht, besser: radikalisiert.

Nach acht Jahren schleichen sich Zweifel ein, auch an ihrer Rolle in der Partei. Sie ist mehr Galionsfigur denn Meinungsführerin. Und die Vorstellung vom Paradies, das sie für zumindest einen Teil Deutschlands so hart einfordert, bröckelt beständig. Das Monologstück „Jena Paradies“ der Innsbrucker Autorin Sarah Milena Rendel (Regie: Julia Jenewein), das im Rahmen des Tiroler Dramatiker*innenfestivals in der Innsbrucker Talstation läuft, erzählt ihre Geschichte.

Und das in einem ständigen Changieren zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Immer wieder streift sie (eine überzeugende Alica Sysoeva) in Kostümwechseln die frühere Magda ab, um anschließend wieder hineinzuschlüpfen. Aus entmenschlichter Rhetorik werden menschliche Zweifel – und wieder retour.

In die Szene dringt sie immer weiter ein, verfängt sich auf der Bühne wortwörtlich im Netz der Neuen Rechten. Deren inhumane Äußerungen prasseln in lautem Getöse auf alle Anwesenden ein – u. a. in Form projizierter Twittermeldungen oder Bewegtbilder. Wirklich kalt lässt das keinen mehr.

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Nach der Bestürzung bleiben die Fragen: Kann Magda die Vergangenheit wirklich abstreifen, wie ein altes T-Shirt? Gelingt der Ausstieg? Und ist Magda Täterin oder Opfer? „Jena Paradies“ sticht mitten rein in eine aktuelle politische Debatte und ist auch deshalb gerade besonders relevant, weil es die Frauenperspektive und Social Media mitdenkt – richtig und wichtig, um auch ein jüngeres Publikum abzuholen. (bunt)


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