Peter Sandbichlers „Unpredictable": Berechnetes wird unberechenbar

Aufwändig konstruiert: Mit „Unpredictable“ zeigt der Kufsteiner Peter Sandbichler im Kunstraum Dornbirn zwei neue Monumentalwerke.

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„Twist #03“ dreht sich kunstvoll in den Kunstraum Dornbirn hinein. Zu sehen bis 15. August.
© Günter Richard Wett

Von Barbara Unterthurner

Dornbirn – Seit den 1880ern hatte man sich in den Dornbirner Rüsch-Werken auf Turbinen spezialisiert, die in der 440 Quadratmeter großen Montagehalle in Schwerstarbeit zusammengesetzt wurden. Heute ist der Ort Raum für Gegenwartskunst – einer, in dem trotzdem noch einmal ein Objekt mit besonderer Sogwirkung montiert wurde. Peter Sandbichlers „Twist #03“, eine In-situ-Kunst-„Turbine“, die eben nur mehr Spirale ist, ist Teil seiner aktuellen Einzelausstellung „Unpredictable“, die im Kunstraum Dornbirn zu besichtigen ist.

Mit „Twist #03“ beweist Sandbichler einmal mehr die Vielfalt seiner Falttechnik. Gefertigt wurde das Stück aus 65 Fahrrad-Kartonen, die eigentlich im Müll hätten landen sollen. Und jetzt Kunst wurden: Bereits seit Jahren setzt der gebürtige Kufsteiner, der lange schon in Wien lebt und arbeitet, auf das vermeintlich wertlose Verpackungsmaterial. Wie schon bei anderen großformatigen Arbeiten (2018 u.a. in der Galerie Thoman in Innsbruck) lässt Sandbichler auch diese neue Spirale schweben. Aktiviert hat er dafür die alten Hängevorrichtungen der ehemaligen Industriehalle.

Geplant wurde die rund 25 Meter lange Plastik am Computer, zusammengesetzt wurde sie direkt in Bregenz. Dann übernahm der Zufall: Dass Sandbichler Gebrauchsspuren und Aufschriften als immanenten Teil der Arbeit ansieht, bewies der Künstler schon in älteren Falt-Werken. In „Twist #03“ wird der Effekt durch spontan gesetzte, weitere Farbakzente noch überhöht. Und die Arbeit setzt sich vom unbunten Industrieraum weiter ab.

Der Zufall setzt dem Technisch-Berechenbaren ein Stück weit Unberechenbarkeit gegenüber – wie Sandbichler im Ausstellungstitel impliziert. Dazu passt auch, dass die Spirale, die neben einer Turbine auch an kunstvoll verdrehte Salomonische Säulen oder DNA-Stränge erinnern darf, zudem beliebig erweiterbar wäre, gar „bis in die Unendlichkeit“, erklärt Sandbichler zur Form seiner Arbeit.

Einen ästhetischen Gegenpart setzt sich Sandbichler in Dornbirn mit der künstlerischen Umsetzung eines Elefantenschädels, den der Künstler ebenso scheinbar schweben lässt. „Skull #06“ ist eine einmal mehr für den Raum neu entstandene Arbeit. Losgelöst von der Wand wird der riesige Tierkopf aus gegossenem Acrylharz in Dornbirn zugänglich; BetrachterInnen können in die konsequente Weiterführung seiner Skull-Serie direkt hineinschlüpfen.

In beiden Monumentalarbeiten befragt Sandbichler Funktion und Selbstzweck von Raum und Kunst. Mit seiner Herangehensweise, etwa der Materialwahl, baut er die Grenzen zwischen Kunst, Architektur und auch Möbeldesign auf; am einfachsten erklärt sich das anhand seiner „Alten Schachteln“ , für die er zerbeulte Kartone in Beton oder Metall übersetzt. Und aus Schachteln werden Skulpturen und/oder Sitzgelegenheiten.

Für Dornbirn setzt Sandbichler einzig auf die Monumentalwerke und damit auf Raum, der vom Publikum umgangen, erkundet werden muss. Ein Raum, der mit Sandbichler einmal mehr neu aktiviert wurde.


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