Riskante Forschung mit gefährlichen Erregern? Auf der Suche nach der Ursache

Krankheitsausbrüche nach Laborunfällen gab es schon öfters. Beispiele dafür sind etwa das H1N1-Virus 1977 und SARS 2004. Ob das Coronavirus auch aus einem Labor entfliehen konnte ist unklar, Experten schließen diese Möglichkeit zumindest nicht aus.

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Es gibt keine schlagenden Beweise für einen Laborunfall, Experten schließen einen solchen Ursprung des Coronavirus zumindest nicht aus.
© Trust "Tru" Katsande/Unsplash

Von Issam Ahmed und Lucie Aubourg, AFP

Washington, Peking – Etwa eineinhalb Jahre nach dem erstmaligen Auftreten des neuartigen Coronavirus ist sein Ursprung noch immer unklar. Die US-Geheimdienste gehen unter anderem der Theorie nach, wonach der Erreger SARS-CoV-2 durch einen Laborunfall im Institut für Virologie im chinesischen Wuhan in Kontakt mit dem Menschen kam. Für diese These gibt es bisher keine schlagenden Beweise, für das allgemeine Risiko einer Pandemie durch einen Laborunfall allerdings schon.

Das Labor in Wuhan gehört zu denjenigen mit der höchsten Bio-Sicherheitsstufe 4, abgekürzt BSL4. Diese sind so konzipiert, dass dort die gefährlichsten Viren und Bakterien erforscht werden können, welche schwere Erkrankungen verursachen können und gegen die es keine bekannten Gegenmittel und Impfstoffe gibt.

Dank Hochleistungsluftfiltern können hier Viren nicht mit der Abluft entweichen, erläutert der Leiter des Studiengangs Bioabwehr der US-Universität George Mason, Gregory Koblentz. Alle Abwässer solcher Einrichtungen würden zur Abtötung von Erregern mit Chemikalien oder Hitze behandelt. Die Forscher in Hochsicherheitslaboren sind speziell geschult und tragen Schutzanzüge.

Keine verbindlichen Standards für Arbeiten mit Krankheitserregern

Weltweit gibt es 59 solcher Hochsicherheitslabore, wie es in einem Ende Mai veröffentlichten Bericht heißt. Der von Koblentz mitverfasste Bericht konstatiert allerdings auch, dass es "keine verbindlichen internationalen Standards für das sichere und verantwortungsvolle Arbeiten" mit Krankheitserregern gibt.

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Unfälle kommen mitunter auch in Top-Laboren vor, häufiger aber in Einrichtungen mit niedrigerem Sicherheitslevel, von denen es weltweit tausende gibt. Das H1N1-Virus, das die Grippe-Pandemie 1918 auslöste, entwich 1977 aus Laboren in der Sowjetunion und China und breitete sich weltweit aus.

2004 steckten sich zwei studentische Mitarbeiter des Nationalen Instituts für Virologie in Peking mit dem SARS-Erreger an und verbreiteten ihn weiter, die Mutter von einem der beiden starb. 2014 wurden beim Umzug eines Büros der US-Arzneimittelbehörde FDA einige Phiolen mit Pockenviren entdeckt.

Geheimdienstbericht über kranke Mitarbeiter des Virologie-Instituts

Ende Mai befeuerte ein Bericht des "Wall Street Journal" die Theorie eines Labor-Unfalls als Ursprung der Corona-Pandemie. Demnach heißt es in einem US-Geheimdienstbericht, im November 2019 seien drei Mitarbeiter des Instituts für Virologie in Wuhan so schwer erkrankt, dass sie ins Krankenhaus kamen. Umstritten ist aber, wie belastbar die zugrunde liegenden Informationen sind.

Lynn Klotz vom Center for Arms Control and Non-Proliferation in Washington warnt seit Jahren vor Gefahren für die Öffentlichkeit durch Bio-Labore. "Menschliche Fehler machen 70 Prozent der Fehler in Laboren aus", sagt er.

In der Debatte um den Ursprung der Corona-Pandemie gerieten auch die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) an den Pranger. Einige republikanische Politiker warfen ihnen vor, sogenannte Gain-of-function-Forschung mit Coronaviren in Wuhan gefördert zu haben. Die NIH wiesen dies zurück. Auch die Fledermaus-Expertin Shi Zhengli, die am Wuhaner Institut für Virologie forscht, versicherte am Montag in der "New York Times", sie habe keine Gain-of-function-Experimente gemacht.

Umstrittene Gain-of-function-Forschung

Bei der Gain-of-function-Forschung verändern Wissenschafter Erreger so, dass diese leichter übertragbar, tödlicher oder schwerer mit Medikamenten und Impfstoffen zu bekämpfen sind. Auf diese Weise wollen sie herausfinden, wie die Erreger bei entsprechenden Mutationen in natürlicher Umgebung besser bekämpft werden könnten.

Über Nutzen und Risiken dieses Forschungsansatzes wird seit langem gestritten. Einen Höhepunkt erreichte die Kontroverse, als 2011 zwei Forscherteams Vogelgrippeviren so veränderten, dass sie zwischen Säugetieren übertragbar waren.

Der Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch warnt, ein auf diese Art geschaffener Virusstamm könne einen Labor-Mitarbeiter befallen und letztlich eine ganze Pandemie verursachen. "Diese Forschung ist nicht notwendig und trägt nicht zur Entwicklung von Arzneien oder Impfstoffen bei", argumentiert auch Richard Ebright von der Rutgers University gegen die Gain-of-function-Forschung.

In den USA wurde Forschung an Grippeviren und Coronaviren mit dieser Methode 2014 zunächst ausgesetzt. Seit 2017 ist die Gain-of-function-Forschung wieder erlaubt, allerdings muss ein Expertenausschuss jeden Fall einzeln vorab prüfen.


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