Experten fordern Unterrichtsfach „Leben retten“

Die richtigen Handgriffe von Ersthelfern können bei einem Herzkreislauf-Stillstand lebensrettend sein. Experten fordern bereits seit geraumer Zeit, die Reanimation verpflichtend in der Schule zu unterrichten.

  • Artikel
  • Diskussion
Die Herzdruckmassage reicht aus, um das Gehirn zunächst weiter mit Blut und damit Sauerstoff zu versorgen.

Von Nikolaus Paumgartten

Innsbruck – Wie schnell es gehen kann, hat am vergangenen Samstag der Kollaps des dänischen Fußballprofis Christian Eriksen gezeigt. Der 29-Jährige war beim Vorrundenspiel der Fußball-Europameisterschaft gegen Finnland auf dem Platz live vor laufenden Kameras – und damit vor den Augen der Weltöffentlichkeit – zusammengebrochen und musste reanimiert werden. Nicht zuletzt dem raschen Eingreifen aller Beteiligten ist es zu verdanken, dass sich Eriksen bereits auf dem Weg der Besserung befindet und gestern via Instagram aus der Klinik Grüße schickte.

Kritik an TV-Übertragung

Kritik setzte es vor allem an der TV-Regie, die das Geschehen auf dem Platz praktisch ungefiltert zeigte, ehe sich die Teamkollegen Eriksens schützend um den Unfallort postierten. Wenn der tragische Vorfall dennoch etwas Gutes gehabt hat, dann die Tatsache, dass das Thema Herzkreislauf-Stillstand und Reanimation plötzlich bei einer breiten Öffentlichkeit in den Fokus gerückt ist, meint Michael Baubin, Bereichsoberarzt für Notfallmedizin an der Uniklinik für Anästhesie in Innsbruck und Gründer sowie Vorsitzender des Österreichischen Rats für Wiederbelebung (ARC). Dass nicht nur die Einsatzkräfte vor Ort, sondern auch die dänischen Spieler genau wussten, was zu tun ist, überrascht ihn dabei nicht: „Dänemark ist neben Belgien, Frankreich, Italien und Portugal eines jener fünf europäischen Länder, in denen die Reanimation gesetzlich verpflichtend in der Schule unterrichtet wird.“

Was die Reanimation und die Überlebenschancen bei einem Herzkreislauf-Stillstand angeht, ist ein Fußballstadion sicher ein guter Ort, meint der Notfallmediziner: „Ein besseres Setting für einen Herzkreislauf-Stillstand außerhalb der Klinik kann man sich eigentlich nicht vorstellen“, sagt Baubin. Es sei auf allen Ebenen schnell und hochprofessionell reagiert worden.

Ohne Sofortmaßnahmen vergeht wertvolle Zeit

Der Normalfall sind derartige ideale Rahmenbedingungen allerdings nicht. Laut Statistik ereignen sich 70 Prozent der plötzlichen Herzkreislauf-Stillstände in der Wohnung und lediglich 17 Prozent in der Öffentlichkeit. Ohne lebensrettende Sofortmaßnahmen vergeht dabei oft wertvolle Zeit – im Schnitt braucht es nach der Alarmierung der Rettung acht Minuten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes. Diese Zeit gelte es bestmöglich zu überbrücken. „Im Zweifel sollte man jedenfalls nicht darauf verzichten, mit der Herzdruckmassage zu beginnen“, betont Baubin. „Denn ohne die Versorgung mit Sauerstoff beginnt das Gehirn nach drei Minuten abzusterben.“

10x Wanderausrüstung zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

2019 gab es in Tirol 950 präklinische Kreislaufstillstände – also solche, die außerhalb von medizinischen Einrichtungen passiert sind. Davon wurden rund zwei Drittel durch Notarztteams reanimiert. Statistisch gesehen finden damit in Tirol jeden Tag zwei Reanimationen nach Kreislaufstillständen außerhalb von Kliniken statt.

Betroffen sind nicht nur ältere oder kranke Menschen, wie das Beispiel von Christian Eriksen gezeigt hat. 40 Prozent der Herzkreislauf-Stillstände betreffen Personen unter 65 Jahren, insgesamt sind mit einem Wert von etwa zwei Dritteln Männer häufiger betroffen als Frauen.

Die Hemmung, im Ernstfall aktiv zu werden, und die Angst, etwas falsch zu machen, lassen sich durch Bewusstseinsbildung überwinden, glaubt Baubin. Der alleinige Besuch eines Erste-Hilfe-Kurses, wie er etwa für den Führerschein vorgeschrieben ist, sei dabei zu wenig. „Die Reanimation muss ein Alleinstellungsmerkmal haben. Der Schlüssel dazu ist die verpflichtende Reanimation im Unterricht.“ Man könne bereits im Kindergarten damit beginnen, das Thema dem Alter entsprechend zu behandeln und über die Jahre der Schullaufbahn im Lebensalltag und damit letztlich gesellschaftlich zu verankern. Derzeit werden Reanimationskurse in Tirols Schulen lediglich auf freiwilliger Basis angeboten und durchgeführt.

Eine ähnliche Forderung stellt die „Junge Generation“ der SPÖ Tirol. Sie verlangt für Tirol ein flächendeckendes Defibrillatoren-Netz sowie verpflichtende Erste-Hilfe-Kurse in Betrieben.


Kommentieren


Schlagworte