Auftakt für „stummer schrei“: Stumm gibt wieder Laut

Mit einer Neuproduktion von Yasmina Rezas „Kunst“ startet heute Abend das Zillertaler Festival „stummer schrei“.

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Die „Donauwellenreiter“ präsentieren ihr neues Projekt „Delta“ am 16. Juli beim Festival „stummer schrei“.
© Jakwerth

Stumm – Dada hat die Kunst des 20. Jahrhunderts sprichwörtlich radikal beeinflusst. Ihren Ausgang nahm die folgenreiche Bewegung, die dem menschenverachtenden Irrsinn des Weltkrieges mit der Kunst höheren Unsinns begegnete, 1916 mit Geflüchteten in der neutralen Schweiz.

Fünf Jahre später wurde auch in Tirol ein kleines Kapitel Dada-Geschichte geschrieben. Führende Vertreter des Dadaismus – Tristan Tzara, Johannes Theodor Baargeld und Hans Arp, wenig später kam auch André Breton dazu – verbrachten die Sommer-Jahre 1921 und 1922 im Tiroler Oberland. Max Ernst hatte Tarrenz als leistbare Sommerfrische empfohlen. Neue künstlerische Ausdrucksformen wurden hier erprobt. Es entstanden Gemeinschaftsarbeiten, etwa der „Aufruf zu einer letzten Alpenvergletscherung“. Die achte und letzte Nummer der Zeitschrift DADA wurde in Innsbruck gedruckt. Sie enthält das Manifest „Dada au grand air/Der Sängerkrieg in Tirol“. Raoul Schrott hat diesen verschüttgegangenen literaturgeschichtlichen Schatz einst gehoben.

Als bislang einzige Tiroler Kulturinitiative erinnert das Zillertaler Festival „stummer schrei“ bei seiner diesjährigen Auflage an das runde Dada-Jubiläum. Florian Kaplic – Pianist, Rezitator und Psychiater – hat eigens dazu ein neues Programm entwickelt. Seine dadaistische Spurensuche kommt am 5. August im Festival-Stadl Dorfbäck zur Premiere.

Implizit spielt auch die heutige Eröffnungspremiere des Festivals mit einer der gängigen Dada-Fragen. In „Kunst“ lässt Yasmina Reza das Thema „Ist es Kunst oder kann das weg?“ eskalieren. Anita Köchl inszeniert das inzwischen zum unverwüstlichen Klassiker gewordene Stück im Theater Tipotsch. Es spielen Heinz Tipotsch, Chris Kohler und Fritz Gasser.

Ein Schwerpunkt ist Felix Mitterers Volksstück „Märzengrund“ gewidmet. Konrad Hochgrubers Uraufführungsproduktion von 2016 wird ab dem 24. Juni wiederaufgenommen – und steht 15-mal auf dem Spielplan. Filmemacher Adrian Goiginger, der den Stoff fürs Kino adaptiert hat, wird in einer Sonderveranstaltung am 23. Juli über den Dreh an Originalschauplätzen berichten. Davor steht auch eine „Märzengrund“-Wanderung auf dem Programm. Die weiteren Schauspielpremieren sind: „Pubertät“ (19. Juni), „Eiscreme“ (26. Juni) und „Besuchszeit“ (6. Juli). Am 23. Juni gastiert das Feinripp-Ensemble mit „Fein R.I.P“ in Stumm, am 1. Juli präsentiert Kabarettist Lukas Schmied sein neues Programm „50:50“.

Auch musikalische Premieren hat der künstlerische Leiter Christoph Crepaz angesetzt: Das Quintett Alma etwa stellt sein neues Album „Furo:Re“ vor (2. Juli) und „Delta“, das neue Projekt der Donauwellenreiter, ist am 16. Juli erstmals auf der Bühne zu erleben. (jole)


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