Die Verzweiflung läuft im Kreis: Theaterdebüt für Tiroler Poetin

Theater Melone brachte mit „Die Erschöpfung der Welt“ ein Stück der Slam-Poetin Johanna Kröll zur Uraufführung.

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Linda Prinz, Helge Salnikau und Johanna Martin in „Die Erschöpfung der Welt“.
© Daniel Jarosch

Innsbruck – HierkönntemeinNamestehen. So nennt sich die Zillertaler Autorin Johanna Kröll, wenn sie selbst bei Poetry-Slams auf der Bühne steht. 2019 gewann Kröll den Ö-Slam, die österreichische Meisterschaft in Sachen Slampoesie. Mit „Die Erschöpfung der Welt“ debütiert sie nun als Dramatikerin. Krölls Slam-Erfahrung merkt man dem Stück an: Viel Wort- und Satzakrobatik, kalauernde Lautmalerei, zügig getaktete Spracheffekte – und das Bemühen, nicht nur viel zu reden, sondern auch noch etwas zu sagen.

Am Dienstagabend kam „Die Erschöpfung der Welt“ im Innsbrucker Brux zur Uraufführung. Florian Hackspiel, der das Stück für sein Theater Melone in Auftrag gegeben und es gemeinsam mit dem Zeitmaultheater Bochum produziert hat, inszenierte. Auch er orientierte sich szenisch am gängigen Slam-Setting: Es wird oft und bisweilen irrwitzig schnell in Mikrofone geredet. Einige um die Mikrofonständer drapierte Fress- und Notizzettel (Ausstattung: Thomas K. Mörschbacher) verorten die Handlung in einem Schreib- oder Studierraum. Es geht also um das, was junge SchreiberInnen wenig überraschend oft beschäftigt: ums Schreiben, um das Ringen mit Buchstabe und Beistrich, um den Kampf mit Ein- und Ausfall.

Als Bezugsgröße – mit der Betonung auf „Größe“ – muss kein Geringerer als Goethes unglückseliger Doktor Faust höchstselbst herhalten. Auch in „Die Erschöpfung der Welt“ droht ein teuflischer Hinterzimmerdeal (oder das, was man sich darunter noch vorstellen könnte) alle gute Absicht zu unterwandern.

Doch bevor der Teufel (Anne Clausen) tatsächlich auftritt, treten Engelchen und Teufelchen (Linda Prinz, Helge Salnikau) auf. Sie schauen vorbei, um die Schreibenden (Johanna Martin) beim Nichtschreiben zu unterstützen: wortreich witzelnde Prokrastination, bisweilen als motivierender Zuspruch getarnt. Es ist jedenfalls zum Verzweifeln. Für die Verzweiflung der um sich selbst kreisenden Schreiberin findet Hackspiel schlüssige, körperlich fraglos fordernde Übersetzungen: Es wird viel ziellos im Kreis gelaufen.

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Johanna Martin ist eine ganz hervorragende Zustandsverkörperin: manchmal tödlich betrübt, dann wieder übermütig, ein bisschen bummelwitzig und irgendwann ermattet. Sie sorgt dafür, dass es überraschend viel zu sehen gibt in einem Stück, in dem eigentlich nichts passiert: Alles fängt mit der Suche nach einem verschüttgegangenen Anfang an – und landet auch wieder dort. Schreiben ist harte Arbeit, aber auch Nichtschreiben – da will der Titel des Stücks beim Wort genommen werden – erschöpft. (jole)

🎭 Die Erschöpfung der Welt. Bis 30. Juni. www.theatermelone.at


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