82,4 Millionen Vertriebene: Wieder mehr Menschen auf der Flucht

82,4 Millionen Menschen mussten im vergangenen Jahr vor Gewalt und Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen. Österreichische Hilfsorganisationen fordern die Regierung auf, mehr für Flüchtlinge zu tun.

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Millionen Venezolaner mussten flüchten – etwa nach Peru.
© ERNESTO BENAVIDES

Wien – Die Genfer Flüchtlingskonvention feiert heuer ihr 70-jähriges Bestehen. Die Konvention dient dem Schutz von Menschen, die wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt werden.

Das 1951 auf einer UN-Sonderkonferenz verabschiedete „Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge“ sollte nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem europäische Flüchtlinge schützen, wurde aber später erweitert. Heute schützt es Millionen von Menschen, die aufgrund von Krieg und Verfolgung aus ihren Ländern fliehen mussten. Laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR ist die Konvention bisher von 145 Ländern ratifiziert worden.

Die Flüchtlingskonvention mag zwar sieben Jahrzehnte alt sein, sie ist aber aktueller denn je. Trotz der Corona-Pandemie sind im vergangenen Jahr nämlich weltweit so viele Menschen auf der Flucht gewesen wie nie zuvor. Rund 82,4 Millionen Menschen mussten im Vorjahr vor Gewalt, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen aus ihrer Heimat fliehen, geht aus dem neuen UNHCR-Flüchtlingsbericht „Global Trends“ hervor.

Zwei Drittel kommen aus nur fünf Ländern

Im Vergleich zu 2019 ist das ein Anstieg um vier Prozent, im Vergleich zu vor zehn Jahren eine Verdoppelung. Auch der Klimawandel treibe immer mehr Menschen in die Flucht, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr überleben können, heißt es in dem UNHCR-Report.

„Hinter jeder dieser Zahlen steht ein Mensch, der aus seiner Heimat vertrieben wurde, und ein Schicksal von Flucht, Entwurzelung und Leid“, konstatiert der Hohe Kommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi. „Jeder Einzelne verdient unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung – nicht nur durch humanitäre Hilfe, sondern indem Lösungen zur Beendigung ihrer Not gefunden werden.“

Mehr als zwei Drittel aller Menschen, die aus ihrem Heimatland geflohen sind, kamen laut dem Bericht aus nur fünf Ländern: Syrien (6,7 Millionen), Venezuela (4,0 Millionen), Afghanistan (2,6 Millionen), Südsudan (2,2 Millionen) und Myanmar (1,1 Millionen). Bereits 2019 war mit 79,5 Millionen ein Höchstwert von Geflüchteten weltweit erreicht worden.

42 Prozent der Vertriebenen sind demnach Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Neue Schätzungen von UNHCR gehen davon aus, dass fast eine Million Kinder zwischen 2018 und 2020 als Flüchtlinge geboren wurden. „Die Tragödie, dass so viele Kinder im erzwungenen Exil geboren wurden, sollte Grund genug sein, die Anstrengungen zur Beilegung von Konflikten und Gewalt deutlich zu verstärken“, befindet Grandi.

Jahrelanger Streit in der EU

Seit Jahren wird in Europa heftig darüber gestritten, wie mit Schutzsuchenden umgegangen wird. Im Blick sind dabei vor allem die Flüchtlingslager in Griechenland. Anlässlich des morgigen Weltflüchtlingstages fordern Hilfsorganisationen die türkis-grüne Bundesregierung auf, mehr in Sachen Flüchtlingspolitik zu tun. So appelliert die Caritas, Österreich solle „zumindest 100 Familien von den Elendslagern Griechenlands aufnehmen und hier dem Beispiel anderer europäischer Staaten folgen“.

Kinder würden in den Camps von Ratten gebissen, sie hätten psychische Probleme und Suizidgedanken, sagt der Geschäftsführer der Caritas Wien, Klaus Schwertner, der nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr mehrmals in Griechenland war.

„Europa muss mehr tun, um die Not zu lindern, weil es moralisch geboten und grundvernünftig ist – und die Rechtsstaatlichkeit es gebietet“, fordert Schwertner gemeinsam mit weiteren Unterstützern. Er wünscht sich von der österreichischen Regierung mehr Hilfe vor Ort. „Das Sterben im Mittelmeer muss beendet werden. Wer Schleppern das Handwerk legen will, muss legale Wege schaffen.“ Die Genfer Flüchtlingskonvention dürfe nicht „scheibchenweise abmontiert“ werden, warnt Schwertner mit Blick auf Berichte, wonach zuletzt vermehrt Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen zurückgewiesen würden (Pushbacks). Wer den Flüchtlingen helfen wolle, könne das unter https://www.caritas.at/flucht tun.

Ähnlich äußert sich EU-Mandatar Othmar Karas (ÖVP) – er ist Vizepräsident des EU-Parlaments und Präsident des Hilfswerks Österreich. Auch Karas ist „endlich für echte Hilfe vor Ort“. Man dürfe nicht nur von Außengrenzschutz reden – „da beginnt die Fluchtproblematik nicht und da endet sie auch nicht“. Nötig sei eine „gemeinsame, legale Zuwanderungspolitik“. Die Flüchtlingskonvention sollte weltweit wieder zur „Grundlage des globalen Umgangs mit Flüchtlingen“ gemacht werden, verlangt Karas.

Gleichzeitig moniert er, dass es in der „Politik eine permanente Verschiebung zwischen Flucht und Migration“ gebe. Man müsse „die Flüchtlingsfrage als moralische, rechtliche und humanitäre Verpflichtung anerkennen“, sagt Karas.

„Populisten“ würden versuchen, „bewusst ein Zerrbild“ von Migranten zu schaffen, das suggeriere, dass sich hinter Flüchtlingen nur „Arbeitsmigranten und Sozialschmarotzer“ versteckten, kritisiert Karas. „Jeder und jede, der die gemeinsamen Grundlagen, die wir geschaffen haben, nicht zum Ausgangspunkt des Handelns macht und als Auftrag zum Handeln nimmt, uminterpretiert und andere Argumente sucht, hilft uns nicht, das Problem zu lösen.“

Der Migrationsexperte Gerald Knaus plädiert dafür, den UNHCR-Bericht differenziert zu lesen. „Neu“ geflüchtet in andere Länder seien im letzten Jahrzehnt etwa zehn Millionen Menschen – die Hälfte davon sei von europäischen Staaten aufgenommen worden, der Großteil von der Türkei. „Das bedeutet, die Zahl der Flüchtlinge in armen Erstaufnahmeländern – etwa Sudan, Bangladesch, Uganda –, die neu geflohen sind, ist absolut beherrschbar. Und auch die Phantasien, Dystopien und Ängste vor Millionen, die sich auf den Weg machen könnten nach Europa, haben keine Grundlage in den Fakten“, so Knaus.

Er ist ebenso dafür, legale Migrationswege zu schaffen. „Wir müssen unsere eigenen Gesetze wieder ernst nehmen. Das Zurückstoßen von Menschen ohne Verfahren in Ungarn, Griechenland, Spanien und Bosnien muss aufhören, denn es steht im Widerspruch zum EU-Recht.“

Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin von der WU Wien und Mitglied der Initiative Courage, meint, dass die Krise etwa in Griechenland keine akute sei, sondern eine chronische – und „grausames Symptom einer jahrelang verfehlten EU-Politik“. (sas)


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