Zweiter Tag des Bachmann-Wettbewerbs: Scharmützel im Stuhlkreis

Auch am zweiten Tag des Bachmann-Wettbewerbs zeichneten sich keine klaren Preis-Favorit:innen ab. Dafür arbeitete sich die Jury vehement aneinander ab.

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Vea Kaiser.

Klagenfurt – Hubert Winkels hallte auch beim gestrigen Bachmann-Freitag noch nach. Der langjährige Jury-Vorsitzende hatte sich am Mittwochabend mit einem in mehrfacher Hinsicht unheimlich elaborierten Eröffnungsvortrag aus Klagenfurt verabschiedet, der die Situation der Literaturkritik erörterte. Die ist bekanntlich immer und immer wieder neu in der Krise. Woraus Winkels in einer einigermaßen gewagten Volte die Notwendigkeit von komplexer, ja verkopfter Kritik ableitete. Als Gegenmodell zu den allzu einfachen Narrativen, die schnellen (partei-)politischen und/oder kommerziellen Erfolg versprechen. Dass einige von Winkels Nachfolgerinnen und Nachfolgern dessen Ansichten nicht teilen, machte Neu-Jurorin Vea Kaiser schon am Donnerstag deutlich. Sie ortete in einem als Mittagspausenfüller in Szene gesetzten Quasi-Streitgespräch mit dem aus Deutschland zugeschalteten Jury-Chef a. D. hohe Elfenbeinturm-Gefahr – und „vielleicht ein Generationendings“.

Winkels’ Reflexionen haben bei den ersten zwei von drei Vorlese-Tagen auch in die offiziellen Jurydebatten hineingewirkt. Galt der Bachmann-Wettbewerb lange als „Scharfgericht“, von dem sich manche in Grund und Boden abgeurteilte Autorinnen und Autoren nie mehr erholt haben, arbeiten sich die Jurorinnen und Juroren 2021 vornehmlich aneinander ab. Die vorab aufgezeichneten Lesungen vom Band dienten auch am Freitag vornehmlich als Vorwand, einander ordentlich abzukanzeln. Bisweilen erinnern die 45. Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur jedenfalls an jene passiv-aggressiven TV-Stuhlkreise, bei denen zuletzt U-Ausschüsse und Chatprotokolle diskutiert wurden: Auch in Klagenfurt wurde hochtourig, aber bisweilen eben ziemlich zirkulär in eigener Sache argumentiert.

Philippe Tingler.
© ORF/Landestudio Kärnten

Juror Philipp Tingler schwang am Freitagnachmittag gar die Populistenkeule der „Leute da draußen“, die zwar verstünden, um was es in Lukas Maisels Tinder-Text „Anfang und Ende“ geht, aber nicht, was seine Mitjuror:innen daran zu bekritteln haben.

Eine – zugegeben: nicht-repräsentative – Instant-Erhebung auf Twitter, wo der Bachmann-Wettbewerb unter #tddl intensiv begleitet wird, bestätigte die Behauptung nicht. Die Literatur-Twitteria reagiert auf den Text zwischen interessiert und ratlos. Was allerdings weniger über die Qualität von Maisels Text sagt als über Tinglers schon im Vorjahr erfolgreich erprobte Strategie, sich als besonders polarisierender Juror zu positionieren.

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Vergeben werden die Auszeichnungen – neben dem Bachmann-Preis gibt es noch fünf weitere – Sonntagmittag. Heute um 10 Uhr beginnt der letzte Vorlese-Tag. Klare Favoriten lassen sich bislang nicht ausmachen. Nicht zuletzt, weil sich die Jury selbst dann, wenn mehr oder weniger einhellig gewürdigt wurde, in zwar kurzweiligen, aber letztlich substanzlosen Scharmützeln verlor. Anders gesagt: Die mehrstufige Abstimmung am Sonntag verspricht – Stand jetzt – spannend zu werden.

Klaus Kastberger.

Der gestrige Freitag begann mit verhaltenem Lob für den von Vea Kaiser eingeladenen Leander Steinkopf. Jurorin Mara Delius sah eine „routinierte, gut gemachte Kurzgeschichte“, Brigitte Schwens-Harrant einen „versierten Text“. Jury-Vorsitzende Insa Wilke indessen störte sich an der „Spießigkeit“ der mit „Ein Fest am See“ überschriebenen Erzählung. Gespaltener waren die Reaktionen auf Anna Prizkaus „Frauen im Sanatorium“. „Opernhaft“, konstatierte Klaus Kastberger, „ungenau und unstimmig“, befanden Schwens-Harrant und Wilke. Michael Wiederstein vermisste ein „poetologisches Konzept“. Vea Kaiser jubelte über einen „ganz großartigen Text“. „Die jüngste Zeit“ der Klagenfurter Lokalmatadorin Verena Gotthard kam en gros gut weg: „Wenig innovativ, aber mir gefällt das“, meinte etwa Michael Wiederstein. Am Nachmittag las der bereits erwähnte Lukas Maisel. Vea Kaiser lobte ihn – einmal mehr – als „großartig“, Wiederstein wähnte sich in einer Telenovela.

Beschlossen wurde Tag zwei vom steirischen Autor Fritz Krenn, der sich durch eine Lesung vor einer namhaften ostdeutschen Großschriftstellerin fabulierte. „Der bisher sorgloseste Text“, befand Insa Wilke. Klaus Kastberger, der Krenn eingeladen hat, zog Parallelen zu Handke und Bernhard. Vea Kaiser hingegen störte sich am freiem Umgang mit nachprüfbaren Fakten. Das Rennen um den Publikumspreis ist nach Krenns Vortrag trotzdem eröffnet. (jole)


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