Herzzerreißendes zum Saisonfinale in den Kammerspielen

Meisterstück im kleineren Rahmen: Benjamin Brittens Kammeroper „The Rape of Lucretia („Die Schändung der Lucretia“) erlebt am Samstag in den Kammerspielen eine herzzerreißend eindrucksvolle Feuertaufe vor Publikum.

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Lucretia (Irina Maltseva) versucht ihrem Peiniger Tarquinius (Alec Avedissian) zu entkommen.
© TLT/Birgit Gufler

Von Markus Schramek

Innsbruck – Geisterpremieren vor leeren Zuseherrängen sind hoffentlich längerfristig passé. Jetzt herrscht wieder Leben in den Schauspiel- und Opernhäusern. Auch das Tiroler Landestheater serviert zum Saisonfinale eine echte Premiere. Benjamin Brittens Kammeroper „The Rape of Lucretia („Die Schändung der Lucretia“) erlebt am Samstag in den Kammerspielen eine herzzerreißend eindrucksvolle Feuertaufe vor Publikum. Nach einer Saison des ständigen Umplanens, Zuwartens und Improvisierens wirkt diese Produktion wie ein selbstbewusstes Statement: Seht her, wir leben noch!

Männliches Imponier- und Machogehabe, sexuell aufgeladener Machtmissbrauch, der vor Vergewaltigung nicht Halt macht: Der Lucretia-Stoff, bei den antiken römischen Autoren Livius und Ovid nachzulesen, hat im Licht der #Metoo-Debatte auch 2000 Jahre später nichts an Relevanz verloren. Regisseur Johannes Reitmeier transferiert das Geschehen daher folgerichtig in die Gegenwart: schmuckes modernes Wohnhaus statt altrömischer Villa, elegante neuzeitliche Garderobe anstatt antiker, kompliziert drapierter Umhänge (Bühne und Kostüme: Michael D. Zimmermann).

Die inhaltlichen Anker sind dagegen unverrückbar. Lucretia ist ihrem Mann Collatinus, einem römischen General, bedingungslos treu ergeben. Verführungsversuche von Emporkömmling Tarquinius prallen an ihr ab, worauf dieser gewälttätig wird.

Wahrlich kein Stoff für Romantiker, wäre da nicht Brittens herausragende, facettenreiche Musik, die den Instrumenten von bloß zwölf Musikern entstammt. Beim harmlosen Getändel von Lucretia und ihren Gefährtinnen wähnt man sich für Momente in einer auch musikalisch heilen Welt. Als Tarquinius dann lautstark Einlass ins traute Heim verlangt, ändert sich die Tonlage: Schluss mit lustig. Dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter Chefdirigent Kerem Hasan glückt eine makellose, einfühlsame Untermalung des dramatischen Bühnengeschehens.

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Auch an der Besetzung gibt es nichts zu bekritteln. Den Part des Erzählergespanns, zuständig für die inhaltliche Einordnung dieser in englischer Sprache erzählten Oper, obliegt den native speakers Jennifer Maines und Dale Albright. Beide überzeugen nicht nur rhetorisch-sängerisch, sondern auch in wechselnden Schauspielrollen, sei es als Barkeeper oder Reporter.

Die russische Mezzosopranistin Irina Maltseva, zu Gast am Landestheater, ist als Lucretia eine Erscheinung. Mit ausdrucksstarker, sehr präsenter Stimme steuert sie auf das fatale Ende zu. Camilla Lehmeier und Annina Wachter, die beiden Vertrauten Lucretias, sorgen mit verspielter gesanglicher Unbeschwertheit für die wenigen Momente des Durchatmens.

Testosterongesteuert und alkoholgetränkt gebärt sich die Riege der Krieger. Bassist Unnsteinn Árnason ist als Junius ein Aufwiegler, der aus Lucretias Tod politisch Kapital zu schlagen trachtet: Rasch wechselt er von der Soldatenuniform in die aalglatte Aufmachung eines Populisten.

Bariton Alec Avedissian ist als Tarquinius Getriebener und Täter. Johannes Maria Wimmer als Collatinus begegnet seiner Gattin Lucretia liebevoll, von ihrem schamerfüllten Todesstoß ins eigene Fleisch kann aber auch er sie nicht abhalten.

Johannes Reitmeier ist eine Top-Inszenierung geglückt. Im Sommer 2023 verlässt der Theaterchef das Haus. Es wäre eine Nachlässigkeit, ihn nicht weiterhin an der Angel zu behalten für vorzügliche Regiearbeiten wie diese.


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