Igor Levit spielt Schostakowitsch in Hall: Innige Zwiesprache zweier Könner

Ausnahmepianist Igor Levit macht beim Konzert in Hall Schostakowitschs leidvolle Geschichte ergreifend spürbar.

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Dialog nach Noten mit Schostakowitsch. Igor Levit in Hall.
© Victor Malyshev

Von Markus Schramek

Hall – Igor Levit bespielt als Shooting Star unter den jüngeren Pianisten die bedeutendsten Konzerthäuser zwischen New York und Wien. Aber auch dem kleinen Team des Osterfestivals in Hall fühlt sich der in jungen Jahren von Russland nach Deutschland ausgewanderte Ausnahmemusiker verbunden.

Dienstagabend tritt Levit aufgrund großer Nachfrage im Haller Salzlager gleich zweimal in Serie auf – hier ist vom ersten Termin die Schreibe. Wie schon beim Gastspiel vor zwei Jahren an selber Stelle (damals im Doppel mit Markus Hinterhäuser) zeigt sich Levit unprätentiös, allürenlos, gänzlich verschmolzen mit der Musik.

Über Levits auf dem Flügel platzierten Notenständer in Form eines Computer-Tablets flimmern bei den Haller Konzerten Noten von Dmitri Schostakowitsch: Auszüge aus den 24 Präludien und Fugen für Klavier, op. 87.

Entstanden ist diese Reihe Anfang der 1950er-Jahre. Da befindet sich der Komponist in der heimatlichen Sowjetunion auf dem feindlich gesinnten Radar von Diktator Josef Stalin. Der lässt Schostakowitsch, in der Musikwelt hoch angesehen, von den Medien des Sowjetregimes vernichtend herabwürdigen.

Der Komponist lebt in ständiger Angst vor staatlicher Willkür und Gewalt. So ist sein von Bach beeinflusstes Opus 87 mehr als bloß Musik auf höchstem Niveau: Sie ist auch Abbild einer dunkelschwarzen Phase im Leben ihres Verfassers, in Noten ausgedrückte Repression und Ohnmacht, ein Wechselspiel aus Hoffen und Bangen, oft schwermütig und aufgewühlt, selten leichter im Ton.

Levit nähert sich Schostakowitsch mit größtem Respekt. Mit einem Arm zeichnet er den Spannungsbogen nach, schließt die Augen. Manchmal nickt er, wie um zu sagen: „Ja, so muss es klingen.“ Hier hält ein Könner mit einem entfernten zweiten tief verbunden Zwiesprache.

Selbst das scheinbar unausrottbare Handy-Geklingel aus dem Publikum bewahrt Reste von Anstand: Es ertönt just in der Pause zwischen zwei Stücken. Levit nimmt es gelassen. „Perfektes Timing“, befindet er, lächelnd.


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