„Hexen" im Taxispalais: Radikal weiter gefasst

Die Schau „Hexen“ holt fünf künstlerische Positionen ins Taxispalais, die die Systematik von Entmachtung untersuchen.

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Ein bildgewaltiges Highlight der „Hexen“-Ausstellung im Taxispalais: Pauline Curnier Jardins Film „Qu’un sang impur“ von 2019.
© W. Minke

Innsbruck – Dass es keine Hexen gibt, ist dieser Ausstellung wohl bewusst. Dass die Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts, also am Übergang zum Kapitalismus, die Rolle der Frau nachhaltig prägten und damals gefestigte Strukturen in der Gesellschaft bis heute nachhallen aber ebenso. Ist das Symbol der Hexe eigentlich umdeutbar? Diese Frage stellt Kuratorin und Direktorin Nina Tabassomi mit ihrer neuen Ausstellung „Hexen“.

Auf Spiritismus, Magie in Zusammenhang mit Feminismus, wie es u. a. Performancekünstlerin Chiara Fumai in ihrer kurzen, aber steilen Karriere fokussierte, trifft man in dieser Schau aber kaum (höchstens bei Pauline Curnier Jardin); Tabassomi fasst das „Hexische“ weiter: Fünf Positionen untersuchen ideologische und ökonomische Infrastrukturen, die hinter dem sozialen Konstrukt „Hexe“ liegen.

Da wäre etwa Neda Saeedi, die eigens für Innsbruck die Installation „Ezekiel dreams beyond repair“ realisierte, eine Neuinterpretation der alttestamentarischen Vision des Ezechiel. Die Kirche als Zeremonienmeister der historischen Hexenverfolgung kracht hier auf demokratische Politik: Der eine göttliche Thron, den Ezechiel beschreibt, ist bei Saeedi ein Nachbau eines EU-Parlamentssessels – und damit ein Verweis auf eine freie Welt, die längst nicht für alle gilt.

In diese Stoßrichtung schlägt auch die „Hexenküche“ von Angela Anderson und Ana Hoffner ex-Prvulovic*, die mit Auszügen aus dem „Hexenhammer“ der historischen Verfolgung in Tirol nachgehen. Dessen Verfasser und Inquisitor Heinrich Kramer initiierte 1485 den Innsbrucker Hexenprozess, den größten im heutigen Österreich. Auch die beiden Künstlerinnen untersuchen Nachwirkungen der systematischen Entmachtung von Frauen bis heute und kommen dabei an migrantischen Erntehelferinnen auf Tiroler Feldern nicht vorbei.

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Die radikalsten Arbeiten liefert jedoch die Tirolerin Esther Strauß. Ihre Performances gehen unter die Haut: Strauß’ Hauptaugenmerk liegt aktuell auf dem Umgang mit dem Tod und den Toten; etwa in ihrer Arbeit „Opa“ (2015), für die sie das Grab ihres Großvaters mit eigenen Händen ausgehoben hat. Noch weiter geht „Wiegenlieder“, das ein Nachdenken über eine zeitgenössische Form des Reliquiars anregt. Auf zwei Fotografien wiegt Strauß die Knochen eines Fremden, für den sie 2019 einen Sarg gebaut hat. In diesem werden einmal nicht nur seine Knochen, sondern auch die Künstlerin selbst nach ihrem Tod begraben werden.

Bei Strauß ist es ihre unnachgiebige Befragung von Tod und Erinnerung, die Tabassomis Interesse weckten. Genau bei der Tirolerin scheint sich allerdings auch die größte Lücke in Richtung Ausstellungsthema aufzutun. „Hexen“ zeigt großartige Arbeiten (auch jene von Joachim Koester), der Konnex zum Thema und die Interaktion untereinander aber ist oft nur schwer ersichtlich. Dabei ist „Hexen“ der Auftakt einer neuen Trilogie. „Göttinnen“ sollen folgen. (bunt)

Infos

Taxispalais Kunsthalle Tirol. Maria-Theresien-Str. 45, Innsbruck;

bis 3. Oktober, Di–So 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr.


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