Tiroler Landestheater versucht im Herbst den Neustart

Elf Monate lang waren die Spielstätten des Tiroler Landestheaters aufgrund diverser Lockdowns zu. Ab Herbst soll es wieder volles Programm geben, etliche aufgeschobene Produktionen werden nachgeholt.

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Führende Theaterköpfe mit landespolitischem Gast, vereint in der Hoffnung auf volle Ränge ohne weiteren Lockdown. (v. l.) Tanzdirektor Enrique Gasa Valga, Markus Lutz (kaufmännischer Direktor des Landestheaters), Christina Alexandridis (Schauspielchefin), Landesrätin Beate Palfrader, Alexander Rainer (TSOI Orchesterbüro), Intendant Johannes Reitmeier und Michael Nelle, der Leiter der Sparte Oper.
© Rita Falk

Innsbruck – In normalen, seuchenfreien Zeiten ist der neue Spielplan des Tiroler Landestheaters (TLT) bis zuletzt eines der am besten gehüteten Geheimnisse in einer sonst recht mitteilungsfreudigen Branche. Heuer liegt der Fall anders. Elf Monate waren die Spielstätten aufgrund diverser Lockdowns für das Publikum tabu. Geprobt wurde trotzdem, aufführungsreife Produktionen stauten sich auf. Um nicht geistiges und künstlerisches Potenzial dem Orkus zu überantworten, werden etliche der namentlich bereits bekannten Programmpunkte nun in der Saison 2021/22 nachgeholt. Den Zusehern wird es egal sein (müssen). Sie sind Kummer gewöhnt und froh, wenn sich der Vorhang überhaupt hebt.

Bei der gestrigen Programmpräsentation sprühten die versammelten Granden des Landestheaters jedenfalls vor Optimismus. Intendant Johannes Reitmeier, für dessen Nachfolge (ab Sommer 2023) 45 Bewerbungen eingelangt sind, schickte eine Art Stoßgebet gen Himmel: „Bitte keine Schließungen mehr!“

Markus Lutz, der kaufmännische Direktor, fasste die pandemischen Folgen in buchhalterisch nüchterne Zahlen. Demnach wurden in der zu Ende gehenden Corona-Spielzeit 2020/21 um 85 Prozent weniger Tickets verkauft als in der letzten Saison vor Corona. Die Zahl der Theaterbesucher fiel von 185.000 dramatisch auf aktuell nur noch 25.000. „Ohne Gegenmaßnahmen hätte sich der finanzielle Entgang auf 7,5 Millionen Euro summiert“, resümierte Lutz. Durch Kurzarbeit und das Anzapfen divers Hilfsfonds des Bundes sei es aber gelungen, ausgeglichen zu bilanzieren. „Land Tirol und Stadt Innsbruck werden keine Ausfallshaftung übernehmen müssen“, kündigte Lutz an – sehr zur Freude der am Podium anwesenden Kulturlandesrätin Beate Palfrader. Diese übte sich in politischem Pragmatismus und beglückwünschte die Theatermacher schon vorab zum Programm von 2021/22, einem Mix aus Aufgeschobenem und Neuem.

Ein Programmüberblick (ohne Wiederaufnahmen):

◼️ Musiktheater: Gregor Bloébs Debüt als Opernregisseur mit Mozarts „Die Zauberflöte“ eröffnet am 23. Oktober den Premierenreigen im Großen Haus. Sophia Theodorides kehrt in der Partie der Königin der Nacht ans TLT zurück.

◼️ Weiters im Großen Haus: Jules Massenets lyrisches Drama „Werther“ (ab 4.12.), Rossinis schon heuer geprobte Komische Oper „L’italiana in Algeri“ (ab 19.12.) und Richard Strauss’ „Salome“ (ab 12.2., mit Jacquelyn Wagner in der Titelpartie).

Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ (ab 21.5.) ist dem neuen Opernchef Michael Nelle ein besonderes Anliegen. Es ist eine der wenigen Opern, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzen. Regie führt Intendant Reitmeier. Puccinis „Tosca“, zum Auftakt im Herbst 2020 geplant, wird nun als Opernfinale der kommenden Spielzeit (ab 11.6.) nachgeholt.

◼️ Schauspiel: Auch hier wird vieles davon, was Corona dem Publikum vorenthalten hat, neuerlich in den Terminkalender gerückt. Stefan Vögels Komödie „Die Niere“ (ab 25.9.), der musikalische Roadtrip „Blues Brothers. Im Auftrag des Herrn“ (ab 13.11.), das Otto Grünmandl/Peter Handke-Crossover „Grufttheater : Weissagung“ (ab 9.1.), Ayad Akhtars „The Who and the What“ (ab 15.1.), Edward Albees (schon seit Längerem aufführungsreifer) Klassiker „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (ab 22.1.) und die Bühnenversion von Max Frischs Romanvorlage „Homo Faber“ (ab 12.3.) waren samt und sonders durch den Lockdown blockiert.

Neu hinzu kommen im Großen Haus Tony Kushners mit dem Pulitzerpreis prämiertes Gesellschaftsdrama „Engel in Amerika. Die Jahrhundertwende naht“ (ab 26.3.) sowie „Kafka umirá – Kafka stirbt“, die erste Regiearbeit von Max Simonischek, die als Uraufführung in den Kammerspielen angesetzt ist (ab 18.6.). Bei Gerhild Steinbuchs „Gute Geständnisse besserer Menschen“, ebenfalls eine Uraufführung (ab 18.3.), hat der junge Tiroler Peter Lorenz die Regie über (K2 Bühne).

◼️ Tanztheater: Enrique Gasa Valga setzt sich für kommende Saison ein kundenfreundliches Ziel: Er will mit seiner Tanzcompany „die Seelen des Publikums streicheln“. Keine allzu gewagte Ansage, wenn man sich den schon traditionell regen Zulauf zum Tanztheater am TLT vor Augen führt.

Gasa Valga reicht ab Herbst das komplette Programm nach, das in der nun zu Ende gehenden Rumpfsaison entfallen musste: „Terra Baixa“, ein Stoff aus Gasa Valgas katalanischer Heimat, bildet den Auftakt (ab 17.9.), es folgen eine getanzte Reverenz an „Romy Schneider“ (nach einer Idee von Gasa Valgas Mutter, ab 3.10.). „Lorca“ (ab 11.12.) ist dem spanischen Lyriker Federico García Lorca gewidmet. „Dancing Angels“ (ab 5.3.) bringt wieder internationale Choreografien nach Innsbruck. Bei „Cyrano von Bergerac“ (ab 23.4.) fungiert erstmals Filip Veverka, Gasa Valgas Ballett-Assistent, als Choreograf.

◼️ TSOI: Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck startet am 15. Oktober in eine Saison mit acht Symphoniekonzerten. Als Besonderheit gastiert am 12./13. Mai das spanische Ensemble Fetén Fetén an der Seite des TSOI im Congress.

Infos und Tickets

  • Abos, Tickets: Der Abo-Vorverkauf läuft ab sofort. Am 14.9. startet der generelle Ticket-Vorverkauf.

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