Corona-Hilfen: Die Veranstaltungsbranche kämpft ums Überleben

Die Veranstaltungsbranche hängt noch immer am Tropf der Corona-Hilfen. Branchenkenner rechnen frühestens 2022 mit einer Besserung.

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Große Events wie Kongresse oder Konzerte brauchen eine Planungs- und Vorlaufzeit von einem bis manchmal sogar zwei Jahren.
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Innsbruck, Kundl – Nach 15 Monaten Kampf gegen die Covid-19-Pandemie nimmt die Wirtschaft – rundum ersehnt und bejubelt – wieder rasant Fahrt auf. Noch immer auf „Full-Stop“ steht allerdings die Veranstaltungsbranche, die besonders rund um die Kongress- und Tagungsbranche tätig ist, und das wird Experten zufolge noch bis mindestens nächstes Jahr kaum besser werden.

„Was für einen enormen Wirtschaftsfaktor die Veranstaltungsbranche im Land generell darstellt, lässt sich anhand eindrucksvoller Zahlen belegen“, betont WKO-Branchensprecher Wolfgang Suitner. Pro Jahr betrage die Bruttowertschöpfung der gesamten Branche rund 13 Mrd. Euro. „Wir sichern an die 250.000 Arbeitsplätze und durch Steuern und Abgaben profitiert die öffentliche Hand jährlich mit drei bis vier Mrd. Euro an Rückflüssen“, so Suitner.

Der Branchensprecher geht von zwei bis drei Jahren aus, bis sich der Markt wieder voll erholt hat. Der Grund dafür sei, dass Tagungen, große Events, aber auch Konzertveranstaltungen Vorlaufzeiten von einem bis manchmal sogar zwei Jahren haben. Zudem sei eine große Abhängigkeit von der internationalen Reisetätigkeit, dem Flugverkehr und den etwaigen Beschränkungen gegeben.

Davon kann Markus Klotz, Geschäftsführer von „Ganslhaut event solution“, ein Lied singen. „Ende März 2020 waren wir auf den Weg ins beste Jahr seit unserem Bestehen. Und innerhalb von 14 Tagen waren wir auf null“, so Klotz. Die 1994 gegründete Firma aus Kundl bietet den kompletten Event- und Technikbereich von Ton, Licht und Video bis hin zu Konferenz-, Seminar- und Dolmetschtechnik ab. Was die Zukunft bringt, weiß Klotz nicht: „Ich rechne frühestens nächstes Jahr wieder damit, dass es anläuft.“ Die Verlängerung der Corona-Hilfen sei auf jeden Fall wichtig, denn aktuell gibt es zwar einige kleinere Aufträge, aber zum Überleben reiche das nicht. Ein weiteres Problem sieht der Eventmanager beim Personal.

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„Die Regelungen für die Veranstaltungsbranche als indirekt Betroffene wurden lange Zeit nicht klar kommuniziert, es war ungewiss, ob Hilfen kommen würden und ob wir die Personalkosten ohne Hilfen stemmen können“, so Klotz. Klare Informationen habe es erst nach neun Monaten des absoluten Stillstandes in der Eventbranche gegeben. Viele professionelle Veranstaltungstechniker seien durch das AMS mittlerweile umgeschult worden und mussten leider in andere Branchen abwandern. Einen Ausblick auf die Zukunft wagt Günter Dorfer, zweiter Geschäftsführer bei Ganslhaut. „Die hybride Veranstaltung, die wir für das Forum Alpbach entwickelt haben, hat auch uns gezeigt, wie viel Potenzial hier steckt. Das wird in Zukunft sicher ein wichtiger Faktor“, ist sich Dorfer sicher. Es gebe Experten auf dem Markt, die davon ausgingen, dass die Corona-Krise die Branche in diesem Bereich um etliche Jahre in die Zukunft katapultiert hat.

Ganz ohne Teilnehmer vor Ort werde es im Tagungsbereich allerdings nicht gehen, meint Suitner. Hier komme auch der Faktor „Vertrauen“ ins Spiel, welches sich im persönlichen Austausch vor Ort, schwer aber vor dem Bildschirm aufbauen lasse. (hu)

„Die volle finanzielle Breitseite“

Wolfgang Suitner, WK-Fachgruppenobmann-Stv. der Sparte Freizeit- und Sportbetriebe, über die Situation in der Veranstaltungswirtschaft.

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der Veranstaltungs- und Freizeitbranche?

Wolfgang Suitner: Die Eventbranche hat wie kaum eine andere die volle finanzielle Breitseite abbekommen. Wenn man von der Event-Branche als Ganzem spricht, dann ist diese wie eine Pyramide zu sehen. Neben den rund 7000 Veranstaltungsbetrieben selbst als „Spitze des Eisberges“ ist die gesamte Kette an Zulieferern wie Gerüstbauer, Bühnen- und Tontechniker, Cateringunternehmen oder Pyrotechniker, die sich in vollkommener Abhängigkeit von Events befinden, massiv betroffen. Wir sprechen hier von rund 18.000 Betrieben.

Wann erwarten Sie eine Rückkehr auf das Vorkrisen-Niveau?

Suitner: Die Lockerungsschritte vom 19. Mai, 10. Juni und 1. Juli sind aus Sicht der Veranstalter sehr zu begrüßen und wurden auch dringend erwartet und erhofft.

Wie bewerten Sie die Situation im Zulieferbereich des Tagungstourismus, etwa bei Caterern oder Technikern?

Suitner: Trotz einer gewissen Absicherung durch die Verlängerung der Corona-Hilfen kämpfen viele dieser Betriebe um ihr wirtschaftliches Überleben, weshalb der „Normalzustand“ ohne Restriktionen herbeigesehnt wird, um die dringend notwendigen und aktuell leeren Auftragsbücher wieder ehestmöglich füllen zu können.

Inwieweit wird die Corona-Krise die Branche verändern?

Suitner: Ausgelöst durch die Covid-erforderlichen Anpassungen wird es im Bereich der Zutrittssysteme und Kontrollmechanismen in der Zukunft veranstalterseitig technische Innovationen geben, die gleichzeitig eine Erleichterung für Gäste und Besucher bedeuten. Es ist auch festzustellen, dass es einen sehr kons­truktiven Austausch und eine intensive Kommunikation auf vielen Ebenen während der Pandemie gegeben hat. Die Entwicklung ging hin zu einer starken Vernetzung nicht nur innerhalb der eigenen Branche, sondern auch zwischen verwandten Berufsfeldern, da man gemerkt hat, wie verflochten eigentlich der Tourismus als Gesamtprodukt ist. Hybride Tagungen werden sicher mehr, aber der Aufenthalt vor Ort bleibt das Um und Auf.

Interview: Hugo Müllner


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