Das österreichisch-isländische Duo Oehl: Pop gewordener Protest

Mit „100% Hoffnung“ schlägt das Duo Oehl ungewöhnlich gesellschaftskritische Töne an. Das Minialbum erscheint morgen.

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Oehl gibt es seit 2016, 2019 nahm sie Grönland Records von Herbert Grönemeyer unter Vertrag. Die neue EP erscheint übermorgen.
© Cavadini

Innsbruck – „Es ist nur Geld“ – steht da in Neongelb auf den Scheiben einer ehemaligen Commerzialbank-Filiale in Mattersburg. Hier hatte ein Bankmanager vor einem Jahr Hunderte Kleinanleger um ihr Erspartes gebracht, Geld, mit dem beispielsweise ein neues Zuhause gebaut hätte werden sollen. Das österreichisch-isländische Duo Oehl und der Filmemacher Fabian Edelbacher hatten die Plakataktion initiiert, um mit dem doppeldeutigen Satz vor allem darauf hinzuweisen, dass hinter einem Finanzskandal auch Geschichten von Menschen stehen. Oehl, genauer Frontman Ari Oehl und Bassist Hjörtur Hjörleifsson, erzählt diese im Song „300.000“. Aber damit nicht genug: Am Freitag erscheint auch das Minialbum „100% Hoffnung“.

Wofür die fünf Songs plädieren, verrät der Titel komplett unverblümt. Mit der Platte wird Oehl erstmals ungewöhnlich konkret. Gesellschaftskritik lässt die verträumten „Wolken“ (eine der Hitsingles der Band) verfliegen. Das hat auch persönliche Hintergründe: „Seit ich einen Sohn habe, denk’ ich viel mehr darüber nach, welche Welt wir hinterlassen. Der muss da schließlich mal drin leben. Oder – wer weiß – überleben“, erklärt Sänger Ari den musikalischen Sinneswandel.

So rechnet Oehl im Opener „Arbeit“ mit der rastlosen Leistungsgesellschaft ab und stellt den Traum von der Selbstverwirklichung zur Debatte. In „amazon.de/signout“ hingegen werden die „leuchtenden Reize“, nach denen die Konsumgesellschaft so gerne giert, mit einem einfachen Logout ausgeknipst. Schließlich bleibt von ihnen kaum Nachhaltiges. Ganz anders ist eingangs angesprochenes „300.000“, in dem Ari als Erzähler durch persönliche Schicksale führt: „Ein Drittel Traum für ein ganzes Leben. Tut mir leid“ bildet das abrupte Ende – klingt deprimierend, ist es aber nicht. Denn beständig, rebellisch scheint die titelgebende Hoffnung durch, etwa in „Keine Angst“, in dem Oehl ein „Haus aus Hoffnung und Träumen“ baut.

Und wie klingt Oehls Pop gewordener Protest? Schön vertraut, für all jene, die die weichen Synths, den tänzelnden Bass und die sonore Stimme des Frontman schon im Erfolgsdebüt „Über Nacht“ (2020) feierten. Marco Kleebauer (Leyya, Sharktank) sorgt auch bei diesem Hoffnungs(-ton-)träger für den richtigen Groove. Für die B-Seite knüpfte er aus wenigen Beats einen 20-minütigen Klangteppich – auf ihn gebettet ist ein pandemisches Tagebuch, persönliche Stimmen von Oehl-Fans, die über Arbeit, Geld oder Moral sinnieren. Spätestens jetzt wird das mit der Hoffnung klar, die Ari mit „Sie ist unser Kapital im Aushandeln einer besseren Zukunft“ meint. (bunt)


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