Mehr Herdenschutz und notfalls Abschuss: Land nimmt Wölfe ins Visier

Die schwarz-grüne Landesregierung will ein unabhängiges und weisungsfreies Fachkuratorium „Wolf–Bär-Luchs“ einrichten. Dieses soll dann über Maßnahme für auffällige Tiere entscheiden. Unter anderem soll das gesamte Almgebiet Tirols auf seine Eignung für Herdenschutzmaßnahmen hin überprüft und entsprechend kategorisiert werden.

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Innsbruck ‒ Knapp 150 tote Schafe, Almbauern, die ihre Tiere wieder ins Tal getrieben haben, immer lautere Proteste. Das Thema schaukelte sich immer weiter auf: Jetzt nimmt das Land die großen Beutegreifer Bär und Wolf ins Visier und regelt den Umgang mit ihnen neu. Und das Wort Entnahme, also der Abschuss, fällt dabei oft.

Die schwarz-grüne Landesregierung möchte die Debatte auf eine sachliche Ebene zurückbringen. Zentrale Elemente des elf Punkte umfassenden Dringlichkeitsantrages, der kommende Woche in den Landtag kommt: einerseits die Einrichtung eines unabhängigen und weisungsfreien Fachkuratoriums „Wolf-Bär-Luchs“, das Maßnahmen von der Besenderung, Vergrämung bis zum Abschuss von auffälligen Wölfen empfehlen kann.

Andererseits der Herdenschutz, der finanziell aufgewertet und rechtlich verankert wird. In einem ersten Schritt fließen 100.000 Euro – deutlich mehr wird folgen müssen.

Auch Entschädigungszahlungen werden gesetzlich geregelt. „Herdenschutz dort, wo möglich, Entnahme dort, wo notwendig“, sagt LH Günther Platter (ÖVP). Wenn Beutegreifer die Scheu vor Menschen verlieren, müsse „eine Entnahme rasch möglich sein“. Die Grünen zeigen sich zufrieden. „Die neuen Regeln sehen erstmals eine Verpflichtung zum Herdenschutz vor“, sagt KO Gebi Mair.

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Wenn dies nicht möglich ist, stünden zuerst weitere Maßnahmen wie die nun rechtlich mögliche Besenderung und Vergrämung an, bevor es zu einer entsprechenden Verordnung für einen Abschuss kommt. Für LHStv. Josef Geisler (VP) gebe der Antrag, der auch eine Kategorisierung des Almgebiets auf Eignung von Herdenschutzmaßnahmen vorsieht, den Bauern „eine Perspektive“.

Der Rechtsrahmen lasse es aber nicht zu, „ganz Tirol zur wolfsfreien Zone zu erklären und jeden Wolf abzuschießen“. (TT, mw)

Die Stellungnahmen von Schwarz-Grün

LH Günther Platter (ÖVP):

„Die Ausbreitung der großen Beutegreifer stellt alle Länder des Alpenraums - und hier vor allem die Landwirtschaft - vor große Herausforderungen. Der europarechtliche Rahmen ist dabei eng gefasst. In enger Abstimmung mit Rechtsexperten haben wir gemeinsam nun einen Maßnahmenplan erarbeitet, all das zu tun, was wir rechtlich machen können und der die Möglichkeit der Entnahme von Problemtieren schafft. Der Grundsatz des Maßnahmenkatalogs lautet: Herdenschutz dort wo möglich und Entnahme dort wo notwendig. Wenn ein Beutegreifer massive Schäden verursacht und eventuell sogar die Scheu vor Menschen verliert, muss eine Entnahme rasch möglich sein. Dem tragen wir mit diesen Gesetzesänderungen Rechnung.“

LHStv. Josef Geisler (ÖVP):

„Es geht um die Zukunft der Almwirtschaft. Mit diesem Maßnahmenkatalog sind wir weiter als alle anderen österreichischen Bundesländer und auch als Südtirol. Wir setzen um, was möglich ist, um die Tiere unserer Bauern zu schützen. Wir gehen neue Wege und eröffnen eine realistische Möglichkeit zur beschleunigten Entnahme eines verhaltensauffälligen Wolfes oder Bären. Damit bieten wir den betroffenen Bauern und Almen eine Perspektive. Klar ist aber auch, dass der Rechtsrahmen es nicht zulässt, ganz Tirol zur wolfsfreien Zone zu erklären und jeden Wolf abzuschießen. Eine Einzelfallbeurteilung, die aber schnellstmöglich durchgeführt werden soll, ist deshalb notwendig. Ein wesentliches Instrument dabei ist die Ausweisung von Weideschutzgebieten, also Gebieten, in denen Herdenschutz in der Realität nicht umsetzbar ist. Daran arbeiten wir bereits mit Hochdruck.“

LHStv.in Ingrid Felipe (Grüne):

"Der Schutz von Schafen und der Schutz von großen Beutegreifern ist kein Widerspruch. Es ist beides möglich, wenn alle ihren Beitrag dazu leisten. Mit den rechtlichen Änderungen, die wir jetzt vornehmen, bereiten wir den Boden dafür, dass ein Leben mit Wolf und Bär in Tirol möglich ist und das unter Einhaltung der geltenden Rechtsnormen und im Sinne der Biodiversität im Alpenraum. Es gilt nun bei diesem Thema wieder zur Sachlichkeit zurückzukehren und auf Basis dieser neuen rechtlichen Bestimmungen die Tiroler Almwirtschaft weiterzuentwickeln.“

Klubobmann Jakob Wolf (ÖVP):

„Mit dem eingebrachten Dringlichkeitsantrag schaffen wir ein klares Regelwerk – bis hin zur Entnahme, wie zukünftig mit auffälligen Beutegreifern umzugehen ist. Maßnahmen wie Besenderung und Vergrämung, die bisher laut Jagdrecht nicht möglich waren, werden nun rechtlich verankert. Wichtig ist, dass die Debatte versachlicht wird. Die Beurteilung ob ein Tier entnommen wird, ist keine politische Frage, sondern eine fachliche, die nunmehr von Experten rasch und klar beantwortet werden muss.“

Klubobmann Gebi Mair (Grüne)

„Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir in Tirol den Spagat zwischen dem Schutz von Nutztieren und dem Schutz von Beutegreifer schaffen werden. Was es dafür braucht ist die Bereitschaft zur Veränderung. Die neuen Regeln sehen erstmals eine Verpflichtung zum Herdenschutz vor. Das ist der wahre „Gamechanger“ im Umgang mit dem Wolf. Denn wenn der Wolf keine leichte Beute mehr im unbeaufsichtigten und ungeschützten Almgebiet machen kann, dann wird er das tun, wofür er sehr wertvoll fürs ökologische System ist: als Gesundheitspolizei im frei lebenden Tierreich. In dieser Funktion bringt der Wolf der Natur und uns als Gesellschaft einen absoluten Mehrwert.“


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