"Der Mauretanier": Tagebuch aus der Hölle von Guantanamo

Im Justiz-Thriller „The Mauritanian“ („Der Mauretanier“) verfilmt Kevin Macdonald großartig die wahre Geschichte des Guantanamo-Häftlings Mohamedou Ould Slahi.

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Tahar Rahim schlüpft schauspielerisch beeindruckend in die Rolle von Guantanamo-Häftling Mohamedou Ould Slahi.
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Von Marian Wilhelm

Innsbruck – Mit Donald Rumsfeld starb diese Woche einer der Architekten des so genannten „War on Terror” nach 9/11. Auch im aktuellen Film „The Mauritanian“ fällt der Name des US-Verteidigungsministers mehrmals. Er habe persönlich die Erlaubnis für Verhörmethoden gegeben, die nicht schwer als Folter erkennbar sind: Schlafentzug und extreme Kälte, Waterboarding und sexuelle Erniedrigung, simulierte Exekutionen und Drohungen gegen die Familie.

Einer der Männer, die all das in US-Gewahrsam erfahren mussten, heißt Mohamedou Ould Slahi. 14 Jahre sitzt er ohne Verurteilung im Gefängnis, und zwar als so genannter „unlawful combatant“ im bewusst extra-territorialen US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba, kurz Gitmo. Sein von dort aus geschriebenes Buch „Guantanamo Diary“ (Guantanamo-Tagebuch) liefert die Grundlage für den Spielfilm „The Mauritanian“ von Kevin Macdonald.

Der starke Justiz-Thriller erzählt Slahis Gefangenen-Geschichte, teils in Form von Rückblenden, die er seiner Menschenrechts-Anwältin Nancy Hollander per Brief aus Guantanamo schickt.

Verteidigerin Nancy Hollander (Jodie Foster) und Ankläger Lt. Col. Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) eint der feste Glaube an die Rechtsstaatlichkeit.
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In der Titelrolle gibt Darsteller Tahar Rahim seiner Figur auf großartige Weise die Würde zurück, die ihm die Amerikaner mit der euphemistisch „erweiterte Verhörmethoden“ genannten Folter verletzen. Ihm gegenüber brilliert die zweifache Oscar-Gewinnerin Jodie Foster als abgebrühte, an der Oberfläche durchaus zynische Anwältin Nancy Hollander (von der American Civil Liberties Union), die der US-Regierung Paroli bietet. Im Gegensatz zu ihrer Assistentin Teri (Shailene Woodley) ist sie nicht unbedingt von der Unschuld Slahis überzeugt, sondern von dessen unveräußerlichen Grundrechten nach dem „Habeas Corpus“-Prinzip.

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Doch das Drehbuch nimmt mit dem Ankläger Lt. Col. Stuart Couch noch eine dritte reale Position in seine wahre Geschichte auf. Benedict Cumberbatch spielt diesen Soldaten zunächst mit unsympathischer Härte; ein Freund von ihm starb in einem Flugzeug am 11. September.

In einer an Michael Manns „Heat“ erinnernden Szene unterhalten sich Ankläger und Verteidigerin bei einem Bier am Flughafen von Guantanamo. Dabei wird deutlich, dass beide der Glaube an die rechtsstaatliche Ordnung eint, den die US-Regierung scheinbar aufgegeben hat. Auch heute halten die USA noch immer Dutzende Menschen ohne Rechtsgrundlage in Guantanamo gefangen.

Visuell macht „The Mauritanian“ das Beste aus seinen reduzierten Settings: Durchwegs realistisch gehalten, von den düsteren Büros über unterirdische Hochsicherheits-Lesesäle bis zur fensterlosen Zelle Slahis, bricht sparsam dosiert die Sonne durch die Wolken. Dass Kevin Macdonald bei so viel realer Genauigkeit und politischer Relevanz nicht in Mitleids-Kitsch abgeleitet und im durchaus flotten 129-minütigen Schnitt die filmische Spannung hält, ist keine Kleinigkeit.

Das großartige Post-Script des Films bringt noch einmal die reale Vorlage auf die Leinwand: Der echte Mohamedou Ould Slahi singt in einer Video-Aufnahme den Dylan-Song „The Man in Me“.

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