Ilya Naishullers „Nobody": Wenn ein Niemand zurückschlägt

In seinem zweiten Film erzählt Ilya Naishuller von einem „Nobody“, in dem mehr steckt, als es den Anschein hat.

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Hutch Mansell ist ein prototypischer Niemand mit Frau, zwei Kindern und Vorstadt-Haus – perfekt besetzt mit dem Loser-Anwalt aus „Breaking Bad“ Bob Odenkirk.
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Innsbruck – Hutch Mansell ist ein Buchhalter-Niemand mit Frau, zwei Kindern und Vorstadt-Haus. Zu Beginn von Ilya Naishullers Film „Nobody“ stellt er ihn mit einer Montage seiner Arbeitstage vor, die eintöniger nicht sein könnten: Kaffee, Bus, Fabrik, Feierabend und wieder von vorne.

Dieses Szenario steht zunächst in krassem Widerspruch zum Debütfilm des jungen russischen Regisseurs, „Hardcore Henry“, einer ultraschnellen Actionjagd in Computerspiel-artiger Ego-Perspektive. Doch so viel sei verraten: Auch „Nobody“ wird bald zu einem harten Action-Film.

Die Hauptfigur ist perfekt besetzt mit Bob Odenkirk, dem sympathischen Loser-Anwalt aus „Breaking Bad“ und Antihelden seiner eigenen Spin-off-Serie „Better Call Saul“. Sein Hutch Mansell begegnet nicht einmal nächtlichen Einbrechern mit Gewalt, sehr zur Enttäuschung seines Teenager-Sohnes.

Nur der Großvater im Altenheim (Gastrolle: „Zurück in die Zukunft“-Doktor Christopher Lloyd!) kennt das Geheimnis seines Sohnes. Unter dessen kontrollierter Oberfläche schlummert eine Vergangenheit, der man im Kino am besten völlig ohne Vorab-warnung durch Trailer und Kritik begegnet.

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Wer es dennoch wissen will: Hutch ist gewissermaßen ein untergetauchter Vollprofi in Sachen Gewalt. Das zeigt er, als eine Frau im Nachtbus von einer Gruppe junger Männer bedrängt wird – eine moralisch saubere Ausrede, sein Alter Ego zu entfesseln.

Dass einer der Männer der Bruder eines namhaften Mitglieds der russischen Mafia ist, setzt eine Kaskade in Gang, die Hutch und dem Film einen ebenso simplen wie unprätentiösen Vorwand liefert. Dieses alles andere als bedeutungsschwangere Action-Setup kommt nicht von ungefähr, ist der Drehbuchautor doch Derek Kolstad, der schon mit der „John Wick“-Reihe eine unkomplizierte, neue Genre-Marke setzte.

Im Gegensatz zum John-Wick-Kämpfer Keanu Reeves bringt der schauspielerisch ungleich begabtere Bob Odenkirk einen interessanten Kontrast-Typus ein. Aber auch „Nobody“ wird bald derart konsequent zum coolen Ein-Mann-Armee-Actioner, dass alle moralischen Bedenken über die gefährlich befreiende Befriedigung dieser brutalen Gewalt schnell vergessen sind. Denn wie so oft ist nicht der kontrollierte Pazifist der Held, sondern der kampfstarke Rächer.

Als Alternative zum langweiligen Familienfrieden gibt es hier nur Kampf-Spaß. Immerhin ist der Gegner der ebenso brutale Yulian Kuznetsov (herrlich gutgelaunt: Aleksey Serebryakov) samt seiner Schergen. Und zudem gibt Hutch dem Bösewicht in einem entscheidenden Moment sogar noch die Chance abzuhauen und legt ihm ein Leben als „Tikibar-Betreiber auf einer weniger bekannten Karibik-Insel“ nahe.

Doch eigentlich kann dieser Nobody der Verführung nicht widerstehen, ein Somebody zu sein, und Regisseur Ilya Naishuller liefert ihm 93 Minuten schnörkellos gefilmte Gelegenheiten dafür. (maw)

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