Historischer Sillkanal bei Grabungen am Zeughaus-Areal freigelegt

Erste Ergebnisse archäologischer Grabungen am Baufeld nördlich des Zeughaus-Areals sind aufsehenerregend: Eine zentrale Lebensader früherer Zeiten tritt eindrucksvoll hervor.

  • Artikel
  • Diskussion
Gewaltiges Bauwerk: Der Blick von oben zeigt den Sillkanal in seiner ganzen Mächtigkeit.
© Ardis Archäologie

Von Michael Domanig

Innsbruck – Insgesamt 118 Wohnungen errichten die Austrian Real Estate (ARE) und die Neue Heimat Tirol auf dem Areal nördlich des Zeughauses in Innsbruck. Doch bevor das – politisch und bei den Anrainern, wie berichtet, nicht unumstrittene – Großprojekt Fahrt aufnimmt, sind derzeit erst einmal die Archäologen am Zug.

Wegen der Nähe zum historischen Zeughausareal habe man bereits in der Planungsphase, noch vor Einreichung, Kontakt mit dem Bundesdenkmalamt (BDA) aufgenommen, erklärt die ARE auf TT-Anfrage. Eine Fachfirma wurde mit archäologischen Sondierungen beauftragt – und die bisherigen Ergebnisse sind spektakulär.

Am Gelände konnten nämlich Teile des historischen Sillkanals freigelegt werden – und zwar in einer Mächtigkeit, die an dieser Stelle selbst die Experten überraschte. „Wir dachten, dass es sich einfach um eine Art Gerinne handelt“, meint Karsten Wink von der Firma Ardis Archäologie, „aber es ist ein richtiges Bauwerk. Und es zieht sich in dieser massiven Dimension quasi über das gesamte Baufeld.“ Rund vier Meter misst der Kanal an der Basis, im oberen Bereich gar sechs bis sieben Meter.

Die Wurzeln des Sillkanals (auch als „Kleine Sill“ bekannt) dürften im späten 12. Jahrhundert liegen. Jahrhundertelang versorgte er Wilten und Innsbruck mit Wasser und diente vielen Gewerbebetrieben als Energiequelle – Sägewerken, Pulver-, Getreide- und Feigenmühlen (zur Herstellung von Feigenkaffee), Hammerschmieden und mehr. Beim Sillfall in Wilten zweigte er von der Sill ab, führte über St. Bartlmä (dort ist schon 1180 die Wiltener Stiftsmühle urkundlich erwähnt) Richtung Neurauth-, Karmeliter- und Adamgasse, weiter über die Meinhardstraße und den heutigen Klara-Pölt-Weg Richtung Kohlstatt/Dreiheiligen. Unweit des Zeughauses mündete der Kanal (der zwischen Ing.-Etzel- und Jahnstraße sogar in zwei parallelen Ästen verlief)wieder in die Sill ein. Noch 1926 standen 20 Gewerbebetriebe am Sillkanal. Heute ist dieses zentrale Kapitel der Innsbrucker Wirtschaftsgeschichte aber nahezu in Vergessenheit geraten.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kanal zugeschüttet“, erläutert Wink, „großteils mit Schutt aus der zerbombten Stadt, der auf diese Weise entsorgt wurde.“ Die Archäologen fanden im Kanal daher Gebäudereste, Maueranker, aber auch Wasserleitungen oder Bettgestelle, ebenso große Mengen an Glas(-flaschen-)resten, die von einem in der Nähe befindlichen Lazarett stammen könnten. Bestandsgebäude am Areal nördlich vom Zeughaus, die nun abgerissen wurden, setzten mit der Außenmauer teilweise direkt am Kanal auf.

Rund einen Meter unterhalb der ersten Tiefe des Kanals stießen Wink und sein Team zudem auf Holzeinbauten – möglicherweise Teile eines Vorgängerbaus. Und auch das ist noch nicht alles: „Nördlich und südlich des Kanals haben wir Gebäudereste freigelegt, die zeitlich noch nicht klar zugeordnet sind.“

Wink schätzt, dass die umfangreichen archäologischen Arbeiten in Summe ca. 2 Monate dauern dürften. Der Kanal werde auf gesamter Länge ergraben, ein 3D-Modell erstellt (ähnlich wie zuletzt bei den Grabungen in der Altstadt), Luftbilder würden gemacht und so die Funde für die Nachwelt dokumentiert. „Danach entscheiden Bauträger und Denkmalamt gemeinsam, wie es weitergeht.“

Bei der ARE rechnet man „aufgrund der vorausschauenden Planung“ und der Tatsache, dass die archäologischen Grabungen rechtzeitig im Vorfeld des eigentlichen Bauvorhabens begonnen hätten, jedenfalls nicht mit gröberen Verzögerungen.


Kommentieren


Schlagworte