Italien nach jahrelanger Durststrecke zurück auf dem EM-Thron

Teamchef Roberto Mancini führte die "Squadra Azzurra" vom Tiefpunkt innerhalb von drei Jahren ganz nach oben. Durch den Finalerfolg bauten die Italiener ihre Rekordserie weiter aus und sind mittlerweile seit 34 Partien ungeschlagen.

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Die Architekten es italienischen Titel-Märchens: Verteidiger Giorgio Chiellini und Teamchef Roberto Mancini.
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Lonon - Italiens titellose Zeit ist am Sonntag zu Ende gegangen. 15 Jahre nach dem WM-Erfolg 2006 in Deutschland bestieg die "Squadra Azzurra" mit dem Triumph bei der paneuropäischen EM wieder einmal einen großen Fußball-Thron. Es war für die Italiener erst der zweite Titel bei dem Kontinentalturnier seit 1968. Teamchef Roberto Mancini hat nach dem blamablen Verpassen der WM 2018 ganze Aufbauarbeit geleistet und erntet nun die Früchte dafür.

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Einen Eintrag in die Geschichtsbücher hatte er sich schon im Verlauf des Turniers gesichert, als sein Team die Uralt-Bestmarke von Vittorio Pozzo von 30 Partien ohne Niederlage in Serie aus den 30er-Jahren einstellte. Durch den Finalerfolg gegen England wurde der Rekord mittlerweile auf 34 Partien in die Höhe geschraubt. Durch die Gruppenphase marschierten die Italiener mit drei Zu-Null-Siegen und einem Torverhältnis von 7:0.

Erst Österreichs Stürmer Sasa Kalajdzic bezwang den zu Paris St. Germain wechselnden Gianluigi Donnarumma bei der knappen Niederlage im Achtelfinale in der Verlängerung erstmals. Die längste Torsperre in der italienischen Verbandgeschichte endete da nach 1.169 Minuten. Österreich befindet sich im illustren Kreis jener Teams, die den Italienern immerhin ein Tor schießen konnten. Das gelang auch Belgien und Spanien, das im Halbfinale erst im Elfmeterschießen den Kürzeren zog.

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Auch wenn das altbekannte "Catenaccio" längst der Vergangenheit angehört, ist die Defensive das große Prunkstück beim Neo-Europameister. Die Juventus-Turin-Recken Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34.) haben einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie noch immer nicht zum alten Eisen gehören. Kampfgeist, Einstellung, Wille, Passsicherheit und auch Kopfballgefahr im gegnerischen Strafraum zeichnen das Duo aus.

Daneben sorgen offensiv ausgerichtete Außenverteidiger für viel Drang nach vorne. Dabei stach Leonardo Spinazzola hervor, ehe den 28-jährigen AS-Roma-Kicker im Viertelfinale ein Achillessehnenriss stoppte. Aus der Bahn werfen ließ sich der vierfache Weltmeister dadurch nicht. Und stellte damit unter Beweis, dass nicht nur die Qualität, sondern auch die Dichte im Kader passte. Emerson konnte auf der Seite genauso überzeugen, wie andere Reservisten, die zum Teil gar nicht mehr mit einer Turnier-Teilnahme gerechnet hatten, wie etwa der nachnominierte zweifache EM-Torschütze Matteo Pessina.

Das war auch eines der Erfolgsgeheimnisse: Statt des einen großen Goalgetters trugen sich bei immer offensiven und auch nach Führungen weiter mutigen Italien-Auftritten viele Akteure in die Schützenliste ein. Wie Pessina hielten vor dem Endspiel auch Federico Chiesa, Ciro Immobile, Lorenzo Insigne und Manuel Locatteli bei zwei Toren. "Dieses Italien bringt uns zum Träumen", hatte die "Gazzetta dello Sport" schon im Turnierverlauf getitelt. Am Sonntag wurde der große Traum tatsächlich wahr.

Und das obwohl im Kader der große Weltstar fehlt und 22 von 26 Kickern in der Serie A ihr Geld verdienen, die im Ranking der besten Ligen Europas längst etwas ins Hintertreffen geraten ist. Im Mittelfeld gibt mit Jorginho aber schon ein Legionär den Takt an. Der gebürtige Brasilianer räumte in dieser Saison mit Champions League (mit Chelsea) und EM so richtig ab. Kein Wunder, dass italienische Medien in ihm schon einen Anwärter auf den Weltfußballer des Jahres sehen.

Mancinis Truppe glänzt als homogene Mannschaft ohne erkennbare Schwächen - und das mit vielen Kickern, die in der gescheiterten WM-Quali 2017 schon zum Stamm gehörten. "Er hat die Mentalität der Mannschaft geändert. Er sorgt dafür, dass wir uns auf dem Platz gut fühlen, dass wir keinen Druck spüren. Er hat eine Familie aus uns gemacht", nannte Abwehrspieler Francesco Acerbi ein Erfolgsrezept.

Stars der Vergangenheit können Parallelen zu ehemaligen Erfolgsteams erkennen. "Mancinis Mannschaft ist geschlossen und hat das ganze Land hinter sich, genau wie es 2006 der Fall war", sagte Ex-Roma-Stürmerstar Francesco Totti. Auch die Torhüter-Legende Dino Zoff, 1982 Weltmeister, ist vom Team positiv angetan: "An der heutigen Nationalelf beeindruckt mich die Erfolgsserie. Im Sport sind Zahlen alles. Mancinis Team ist jung und hat Zukunft." Die ungeschlagene Serie könnte noch einige Zeit andauern. (APA)


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