Festspiele Erl: Eine ganz normale Familie zieht um

Bei den Tiroler Festspielen Erl startete am Samstag ein neuer Wagner-„Ring“ mit dem „Rheingold“ unter der Regie von Brigitte Fassbaender.

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Der nach Liebe und Macht gierende Alberich (Craig Colclough) wird von den Rheintöchtern belagert.
© Xiomara Bender

Von Jörn Florian Fuchs

Erl – Die spektakuläre Nachricht zuerst: Der Festspielgründer Gustav Kuhn war auch da. Nein, nicht am Pult, nicht im Publikum, aber bei einer Probe. Ihn interessierte sicher, was Brigitte Fassbaender aus „seinem“ Ring gemacht hat. Schließlich wurde Kuhns Interpretation der Tetralogie, die er seit dem Start des Festivals 1997 beständig weiterentwickelte, Kult. Kulminationspunkt: der 24-Stunden-„Ring“, mit „Rheingold“ am Vorabend und dem folgenden Trio dann tatsächlich innerhalb eines Tages bzw. einer Nacht.

Nun, wir wissen, wie das schlussendlich ward. Kuhn wurde abgelöst ob Vorwürfen sexueller Übergriffe und Unterbezahlung der Künstler (die Prozesse dazu sind vom Tisch, teilweise wegen Verjährung). Und Kuhns Mäzen (auch Festspielpräsident) Hans Peter Haselsteiner stand mit seinem Festspielhaus alleine da. Er suchte und fand den derzeit wohl besten deutschen Opernintendanten Bernd Loebe. Ein paar Akzente konnte dieser bereits setzen, doch der Ring ist sicher die größte Herausforderung, gerade weil Kuhn hier musikalisch Weltmaßstäbe gesetzt hat.

Brigitte Fassbaender ist die neue Wagner-Dompteuse in Erl (sie wurde nach der Premiere übrigens vom Preis der deutschen Schallplattenkritik mit der Nachtigall für ihr Lebenswerk ausgezeichnet). Mit dem „Rheingold“ gelingt ihr eine charmante, genaue, manchmal wunderbar komische Inszenierung. Wir erleben eine Familie von heute (Ausstattung: Kaspar Glarner), als Riese trägt man einfach einen großen Zylinder, als Zwerg eine wilde Frisur, die Urmutter Erda (Judita Nagyová) glänzt vokal und szenisch als elegante Mahnerin, Obergott Wotan meditiert über sich, seine Gattin Fricka (exzellent Dshamilja Kaiser) und den geplanten Umzug nach Walhall.

Hans Peter Haselsteiner hat die Schatullen seiner Familienstiftung weit geöffnet und dem Passionsspielhaus neue Seitenwände spendiert, diese begrenzen den riesigen Raum, was dem Kammerspiel-Charakter des Stücks gut tut. Und sie dienen als Projektionsflächen für fein dekorative Videos (Bibi Abel). Es geht ins oder ans Wasser, in Alberichs Unterwelt, am Schluss schimmert die berühmte Regenbogenbrücke (ausnahmsweise mal kein Gender-Signal).

Wir sehen und hören eine große Wagner-Familie, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf. Auch was manche Sängerinnen und Sänger betrifft. Simon Baileys Wotan jedenfalls könnte bei seiner prinzipiell schönen Stimme noch eine Schippe drauflegen. Und auch Ian Koziaras Loge dürfte vokal einen Tick mehr lodern. Schön war das Wiederhören mit George Vincent Humphrey (Mime), einem echten Erler Ur-Gestein. Und auch Craig Colclough gefiel als nach Liebe und Macht gierender Alberich, er will bei den Rheintöchtern landen, die als Bardamen die Tafel mit goldenem Geschirr decken. Diese verschmähen ihn, aus Frust räumt er den Tisch ab.

Alles in allem also viel Glanz beim neuen Erler „Rheingold“? Nicht ganz. Denn am Pult des hinter einem Gazevorhang auf der Bühne positionierten Festspielorchesters agiert Eric Nielsen mit klarer, sicherer Hand. Was (ihm) jedoch fehlt, ist das Kreieren und Zelebrieren jener magischen Momente, die einen bei Kuhn nahe an die Sesselkante brachten. Und auch szenisch bleibt ein Manko. Kuhn und seine Mitstreiter haben auf liebevolle Weise Einwohner aus Erl und Umgebung miteinbezogen, einen (echten) Schmied, Kinder in Tracht, die Feuerwehrkapelle (als Statisten). Genau das war ein wesentlicher Reiz des Festivals. Diese Zeiten sind nun wohl vorbei. Wer jedoch eine gute, einfache Wagner-Aufführung erleben möchte, der ist in Erl diesen Sommer genau richtig.


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